Schlagwort: Markus Beckedahl

„Nutzer bringen neue Denkanstöße, nerven aber auch gewaltig!“

Auf diese – zugegeben sehr einfache – Formel brachte es mein Freund gestern Abend, als wir über Markus Beckedahl und seine Überlegungen zur altehrwürdigen Kommentarfunktion in Blogs und auf diversen Nachrichtenseiten sprachen. Aber von vorne.

„Einfach mal die Kommentare schließen?“


Foto: Katharina Wieland Müller / pixelio.de.

Vor ein paar Tagen ging auf Netzpolitik.org ein Artikel von Gründer, Betreiber und Netzlobbyist Markus Beckedahl online, in dem er laut darüber nachdenkt, ob es nicht sinnvoll wäre, die Kommentare einfach mal zu schließen. Warum? Weil er es Leid ist:

„Ich hab keine Lust mehr auf eine Kommentarkultur, wo sich die Hälfte aller Kommentatoren nicht im Ton beherrschen können und ständig einfach irgendwas oder irgend wen bashen – in der Regel mit Beleidigungen und/oder Unterstellungen, die gerne auch mal falsche Tatsachenbehauptungen sind. Ich hab keine Lust mehr auf die vielen Verschwörungstheorien und einfachen Weltbildern, wer jetzt wieso Schuld an irgendwas ist. Die EU, der Staat, die Illuminaten, der Kapitalismus, die USA, XYZ. Die Welt ist in der Regel etwas komplexer.“

130.000 Kommentare musste er in der achtjährigen Historie von Netzpolitik.org schon moderieren, und nach eigenen Angaben haben ihm die wenigsten davon wirklich Spaß gemacht oder einen Mehrwert gebracht. Zugegeben: Ich habe nicht annähernd so viele Besucher_innen oder Kommentare auf meinem Blog. Ich kann also nicht wirklich nachfühlen, wie es ist, teils zu Ertrinken in einer Flut von Kommentaren, bei denen mindestens die Hälfte im Tonfall unter der Gürtellinie liegen.

Und ganz ehrlich: Ich brauche diese Erfahrung auch nicht wirklich. Mir reichen schon einige der teils recht kruden Hörer_innen-Anrufe bei Antenne Düsseldorf – über die wir in der Redaktion im Nachhinein häufig aber doch froh sind, denn: Sie zeigen, dass die Menschen Vertrauen zu uns als lokales Medium haben, oder dass wir zumindest eine Instanz sind, an die sich einige auch mit ihrem Frust wenden, ob er sich nun gegen uns richtet, oder gegen das, worüber wir berichten.

„Auch Nutzer können einen Mehrwert bringen“


Beim britischen Guardian konnten die Nutzer erlaubte die Spendenaffäre in Großbritannien mit aufklären.

Das alles führt hin zu einem spannenden Interview, das Ulrike Langer mit Markus Beckedahl vor ungefähr einem Jahr geführt hat. Darin beschreibt er genau diese andere, positive Seite von Nutzerfeedback:

„Einerseits sollten Medien generell mal akzeptieren, dass auch Nutzer einen Mehrwert bringen können. Nicht alle und nicht immer, aber sehr häufig. Medien oder Journalisten sollten in der Lage sein, die relevanten Nutzerbeiträge sammeln, zu verifizieren und dann auch sagen zu können: Wir haben diese Information noch einmal nachgeprüft, und wir behandeln sie jetzt so, als wenn etwas normal durch unsere Redaktion geflossen wäre. Andererseits können Nutzer natürlich auch immer redaktionelle Beiträge ergänzen und helfen, zu verbessern.“

Und weiter:

„Langfristig wird sich die Strategie mit einem Kommentarghetto nicht am Leben halten können. Man kann nicht alle Kommentare in einen gesonderten Bereich abschieben, auf genug Page-Impressions hoffen und die Kommentatoren sich die Köpfe einschlagen lassen. Das bringt weder einen Mehrwert zu redaktionellen Beiträgen, noch sonst etwas, außer ein Ventil für Anschlusskommunikation zu haben.“

Wie passt diese Analyse aus dem Jahr 2011 nun zusammen mit Beckedahls Klagen über mangelnde Diskussionskultur in den Kommentaren im Jahr 2012? Zurück zu der Formel, die auch die Überschrift dieses Artikels bildet:

„Nutzer bringen neue Denkanstöße, nerven aber auch gewaltig!“

Natürlich könnte man jetzt sagen: Netzpolitik.org ist nicht SPIEGEL Online, da darf Markus Beckedahl auch mal meckern. Und natürlich, das darf er auch, schließlich steckt kein großer Verlag hinter der Seite, sondern es ist eben immer noch ein Projekt, das weitgehend von Privatleuten betrieben wird.

Schwarzes Telefon aus den 50er-Jahren mit Wählscheibe
Sinnvolle Interaktion mit den eigenen Leser_innen – ein Wunschtraum? Foto: Helene Souza / pixelio.de.

Auf der anderen Seite zeigt schon allein die Flut von 130.000 Kommentaren in acht Jahren, dass Netzpolitik.org eben kein ganz normales Blog mehr ist. Viel mehr ist es zu einer Größe avanciert, die es vor genau die Probleme stellt, mit denen großen Seiten wie Heise.de, SPIEGEL Online oder Süddeutsche.de schon seit Jahren zu kämpfen haben: Wie gehe ich mit destruktivem Nutzerfeedback um, und wie unterscheide ich es von den Kommentaren, die die Geschichte und mich als Autor weiterbringen? Etwa, indem ich die Kommentarkultur neu entwickele?

Lukas Heinser, Betreiber des BILDblog, hat auf seinem eigenen Blog Coffee And TV auf Markus Beckedahl und seine Frage nach der Zukunft der Kommentarfunktion geantwortet:

„Wenn eine konstruktive Diskussion also eh unmöglich ist, können wir uns alle die Mühe auch sparen. Es bringt nichts, den islamophoben Verschwörungstheoretikern in ihren Wahnsinnsforen mit Fakten, Argumenten oder Verweisen auf die Wirklichkeit entgegentreten zu wollen, aber es bringt noch ein bisschen weniger, unter einen Artikel, der islamophoben Verschwörungstheoretikern mit Fakten, Argumenten oder Verweisen auf die Wirklichkeit entgegentritt, zu schreiben, diese Leute seien aber echt dumme Nazis und hätten kleine Pimmel. Das mag ja stimmen, aber es hilft dennoch niemandem. Außer vielleicht für einen kurzen Moment dem Kommentator.“

Und er kommt zu dem Schluss: Wer ein Thema heute wirklich voranbringen will, und seine Meinung lesbar kundtun will, der sollte nicht kommentieren – weder auf Facebook, noch auf dem betreffenden Blog selbst –, sondern er sollte selbst bloggen.

Goodbye, comments?

Ist die Kommentarfunktion also tot? Hat sie sich überlebt? Ich glaube nicht. Es ist immer noch wichtig, eine direkte Kommunikation zu einem bestimmten Beitrag zuzulassen. Die Frage ist nur, ob diese Aufgabe jedes Medium bewältigen kann. Denn, wir müssen uns zumindest von einer Idee verabschieden, die noch vor wenigen Monaten und Jahren propagiert wurden: Dass die Kommentarfunktion das Ein und Alles der Nutzer_innen-Interaktion ist.


Ist die Feedbackfunktion auf SPIEGEL Online überholt?

Ging von Seiten der „klassischen Medien“ ein Online-Angebot an den Start, das keine Kommentarfunktion bot, gab es sofort einen Aufschrei: Feedback durch die Nutzer würde verweigert, und damit entspräche es nicht den Idealen des Netz. Diese Haltung gehört, glaube ich, der Vergangenheit an, denn: Soziale Medien haben, wie Lukas Heinser auch schreibt, die klassische Kommentarfunktion längst abgelöst. Über Medien, Journalist_innen, Politiker_innen, Geschichten wird immer diskutiert, ob sie es wollen oder nicht: auf Twitter, Facebook und natürlich auf Google+, dem gelobpreisten vermeintlichen Debattenportal der Zukunft.

Am Schluss steht also die Erkenntnis: Feedback durch Leser_innen, Zuschauer_innen, Hörer_innen und ganz generell Nutzer_innen ist wichtig und essentiell für eine gute Arbeit als Journalist. Nicht nur, um ein Gefühl zu bekommen, wie die eigene Zielgruppe tickt, sondern auch, um das eigene Thema weiterzubringen, und dazuzulernen. Das muss aber nicht zwingend in der Kommentarfunktion passieren. Es gibt genügend Kanäle, in Interaktion zu treten. Diese zu nutzen, ist die Aufgabe für zukunftsfähige Medien und Medienhäuser.

Klar ist aber: Es wird immer anstrengend bleiben. Und das ist gut so!

#ACTA: Bilanz und Ausblick [Teil 2]


Proteste gegen das Handelsabkommen „ACTA“ in Düsseldorf. Foto: Henning Bulka/Antenne Düsseldorf

Über 2000 Bürger – so viele sind am Samstag, den 11. Februar 2012, in der Düsseldorfer Innenstadt gegen ACTA auf die Straße gegangen, genauso wie zehntausende in ganz Deutschland und Europa. ACTA ist ein internationales Handelsabkommen, das für eine einfachere, länderübergreifende Umsetzung des Urheberrechts sorgen soll. Kritiker befürchten hingegen Überwachung und Zensur im Netz.

Ich war für Antenne Düsseldorf und die Sendung mit dem Internet auf der Demonstration in Düsseldorf mit dabei, und habe in der Sendung vom Montag darüber berichtet, nachzulesen in Teil 1 meiner Beitragsserie zu ACTA.

Trotzdem ACTA wohl nicht zur Zensur und dauerhafter Überwachung aller unserer Netzaktivitäten führen wird, gibt es aber natürlich durchaus auch berechtigte Kritikpunkte an dem Abkommen. Darüber habe ich mit Sabine Piel und Daniel Fiene in einem zweiten Stück zu ACTA in der Sendung vom Montag gesprochen.

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