Gedanken zum Weltblutspendetag

Ich bekenne: Ich habe gestern kein Blut gespendet. Ich habe sowieso noch nie Blut gespendet. Und zwar ganz bewusst, obwohl Blutspenden ergo Blutkonserven für viele Menschen von höchster Wichtigkeit sind – zum Beispiel, damit sie operiert werden können, und dabei nicht auf dem OP-Tisch verbluten. Und auch, trotzdem gestern Weltblutspendetag war, der extra noch einmal ganz explizit auf die Brisanz des Blutspendens hinweisen sollte – Nein, ich habe kein Blut gespendet.

Wieso? Weil ich ein schlechter Mensch bin? Weil ich mein Blut für mich allein haben will, nichts davon abgeben will, um anderen zu helfen? Nein. Ich habe kein Blut gespendet, weil ich es nicht darf. Das liegt nun keinesfalls daran, dass ich sonderlich extrem lebe. Weder bin ich ein Drogenjunkie, der sich mit dreckigen Nadeln mehrere Ladungen pro Tag in die Venen drückt, noch verkaufe ich meinen Körper als Prostituierter. Nein, der Grund dafür, dass ich kein Blut spenden darf, liegt in dem Menschen, den ich liebe. Er ist ein Mann. Und weil ich mit einem Mann Sex habe, darf ich kein Blut spenden. So „einfach“ ist der Grund für mein vermeintliches gesellschaftliches Fehlverhalten.

Denn nach dem „Gesetz zur Regelung des Transfusionswesens“ (kurz Transfusionsgesetz, TFG), gelten Schwule, bzw. präziser gesagt „Männer, die Sex mit Männern haben“, kurz „MSM“, als „Risikogruppe“. Gefragt wird nach diesem Detail in einem Fragebogen, den man vor der Erlaubnis, Blut lassen abgeben zu dürfen, ausfüllen muss.

Diese Zuordnung zu einer Risikogruppe lässt sich anhand von Zahlen sehr überzeugend begründen: Männer aus der Kategorie „MSM“ tragen statistisch gesehen wesentlich häufiger das HI-Virus in sich, den Auslöser der Immunschwächekrankheit AIDS, als Männer, die eben keinen Sex mit Männern haben, also heterosexuelle Männer. Und deshalb werden „MSM“, also faktisch homo- und bisexuelle Männer, vom Blut spenden ausgeschlossen – so einfach die Rechnung nach Behördendeutsch.

Das Problem dabei: Es gibt inzwischen – und damit meine ich im Vergleich zu beispielsweise den 80er-Jahren, in denen Safer Sex noch ein ziemliches Fremdwort war – viele schwule und bisexuelle Männer, die sehr bewusst und gründlich auf ihre Gesundheit beim Sex achten, Kondome nutzen und regelmäßig einen HIV-Test machen, damit sie und ihre „Verkehrspartner“ sich sicher sein können. Ich selbst zähle meinen Freund und mich auch zu dieser Gruppe von Männern, die mit gesundem Menschenverstand und ohne unnötige sog. „Risikokontakte“ leben. Ich bin mir meiner Sache sicher: Eine Blutspende von mir würde für andere kein Risiko darstellen.

Nun mag sich die Frage stellen, wie das vermeintliche „Problem“ denn von anderen Ländern gehandhabt wird, und ob es dort vielleicht andere, bessere Lösungen als hierzulande gibt. Größtenteils ist man da ähnlich restriktiv wie in Deutschland. Eine Ausnahme bildet jedoch zum Beispiel Großbritannien – allerdings auch nur auf den ersten Blick. Denn dort dürfen Schwule bzw. „MSM“ zwar Blut spenden – jedoch nur, wenn sie zuvor 10 Jahre (in Worten: ZEHN Jahre [!!!]) keinen Sex mit einem oder mehreren anderen Männern hatten. Eine Farce.

Damit das klar ist: Ich möchte keinesfalls den Eindruck vermitteln, dass ich die grundsätzliche Einteilung von möglichen Blutspender_innen in Risikogruppen für von Grund auf falsch halte. Viel mehr sehe ich die Richtlinien dieser Kategorisierung als veraltet an. Ich finde ganz einfach, es sollte kein grundsätzlich ausschließendes Kriterium sein, dass ein Mann jemand Sex mit Männern hat. Viel mehr könnte man weitere Fragen einbauen, auch für alle anderen potenziellen Spender_innen – beispielsweise nach der Handhabung von „Safer Sex“. Das ist eben kein diskriminierendes Kriterium, sondern eine wirklich relevante Frage in Bezug auf potenzielle Empfänger von Blutkonserven.

Letztlich läuft es sowieso immer darauf hinaus, wie ehrlich die Antworten sind, die die willigen und potenziellen Blutspender_innen im angesprochenen Fragebogen abgeben. Klar, es gibt die klare Aufforderung dazu, wahrheitsgemäß zu antworten – aber niemand kann dafür garantieren, dass das auch immer so ist. Ich könnte lügen, mich selbst verleugnen, damit ein Gesetz brechen, und Blut spenden gehen. Aber diese Selbstaufopferung sehe ich nicht als den richtigen Weg an.

Ich möchte Blut spenden – aber ich will dafür nicht lügen müssen.

Kleine Randnotiz: Natürlich wird gespendetes Blut auf eventuelle Infektionen geprüft – aber die entsprechenden Tests funktionieren eben in einer bestimmten Fallzahl im Promille-Bereich nicht ganz richtig. Um hier das Risiko im Voraus zu minimieren, wurden die Risikogruppen geschaffen.

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