Vermutung ≠ Unterstellung


„Schwule Fußballer? Gibt’s nicht!“ – So denken immer noch viele. | Foto: Mark Härtl (CC BY-NC-SA 2.0)

Ich gebe zu: Sonderlich häufig öffne ich die Website der „BILD“ nicht. Aber da nun heute in meinem RSS-Reader mehrere Artikel zu Oliver Bierhoff und seiner Äußerung zum „Tatort“ vom vergangenen Samstag in eben jener Zeitung auftauchten, habe ich selber nachschauen wollen, was er da genau sagt. Zugegeben, seine Aussage wurde einigermaßen erfolgreich aus dem Zusammenhang gerissen, doch trotzdem finde ich sein Statement beachtlich:

Haben Sie sich über die Szene aus dem „Tatort“ geärgert?

Bierhoff: „Ich finde es schade und ärgerlich, dass die Prominenz der Nationalelf missbraucht wird, um irgendein Thema zu entwickeln oder einen Scherz zu machen. Dieser Satz im ,Tatort’ hatte ja keine inhaltliche Relevanz. Das sehe ich immer auch als einen Angriff auf meine Familie – die Familie der Nationalelf. Und das ärgert mich.“

Quelle: BILD.de

Normalerweise versuche ich immer, mich zurückzuhalten, wenn irgendwo heiße Luft verbreitet wird, oder eine vielleicht kritisch zu sehende Aussage von irgendeiner anscheinend wichtigen Person als neue Sau durch das mediale Dorf getrieben wird. Doch da ich den „Tatort“ gesehen habe, und auch durchaus eine kritische Meinung dazu habe – ich fand ihn relativ misslungen –, und da ich dazu noch in gewisser Weise „betroffen“ bin, möchte ich doch kurz etwas dazu sagen.

Oliver Bierhoff nennt die Vermutung, ein Spieler in der deutschen Fußballnationalmannschaft könnte Männer anstatt Frauen lieben, einen Scherz, und sieht sich persönlich angegriffen. Das, mit Verlaub, verstehe ich nicht, und ich sehe darin ein Indiz dafür, worin eigentlich das Problem liegt. Herr Bierhoff ist, denke ich, mitnichten homophob. Das will und kann ich ihm nicht vorwerfen, und darum geht es auch nicht. Ich will hier auch gar nicht auf ihn persönlich eingehen, da mir das nicht zusteht.

Doch ich glaube, das grundlegende Problem, dass an dieser Stelle bei vielen Männern im Kopf existiert, ist das des Unwohlseins, wenn sie mit etwas Fremdem und Unbekanntem konfrontiert werden. Warum sonst würde Oliver Bierhoff eine solche Vermutung als Unterstellung sehen?

Wenn jemand auf mich zukommen würde, und sagen würde, „Mensch, mir kannst du’s doch sagen, du stehst doch eigentlich schon eher auf Frauen, oder?“, dann wäre meine Antwort nicht, „Was fällt dir ein, mir so etwas zu unterstellen?!“, nein, ich würde wahrscheinlich sagen, „Nein, da bist du wohl falsch informiert, ich bin mit meinem Freund sehr glücklich.“ Vielleicht liegt diese ruhige Einstellung dazu daran, dass ich mich und mein Innenleben in dieser Hinsicht schon einmal sehr gründlich erforscht habe, vielleicht sogar erforschen musste. Denn ich musste mich selbst und meine Sexualität finden, und schauen, was an mir vielleicht „anders“ ist, als bei „den anderen“.

An dieser Stelle fallen mir ein paar Worte ein, von denen ich leider nicht mehr weiß, von wem sie stammen:

„Wir Homos haben euch Heteros eines voraus: Wir haben uns zumindest einmal im Leben ganz intensiv mit uns selbst auseinander gesetzt.“

Gemeint ist damit das, was ich auch oben schon schrieb, nämlich das Finden der eigenen Sexualität, gerade vor dem sogenannten „Coming out“. Ich will nun nicht sagen, dass sich meine heterosexuellen Mitmenschen nicht auch schon sehr intensiv mit sich selbst auseinander gesetzt haben, das ist natürlich Quatsch. Doch ein Stück Wahrheit steckt in diesen Worten denke ich doch, und sie erklären vielleicht auch, warum sich gerade Männer – in diesem Fall Oliver Bierhoff – von so einer Vermutung, die rein rational gesehen völlig legitim ist (immerhin fühlen sich nach Schätzungen 5 bis 10 Prozent der männlichen Bevölkerung auch zu Männern hingezogen), angegriffen fühlen.

Zurück zum „Tatort“, der zumindest eines geschafft hat: Er hat das Thema schwuler Fußballer zumindest für einen Moment ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. Das ist gut so, und es muss auch weiter Thema sein. Denn ich glaube doch, dass es eine nicht ganz kleine Gruppe von Profifußballern – nicht nur in Deutschland – gibt, die sich tagtäglich verstecken müssen, lügen müssen, sich selbst verleugnen müssen, nur, um weiter ihrem Beruf nachgehen zu können. Dieser Zustand ist unhaltbar, und muss sich ändern.

Die Aussage von Oliver Bierhoff ist ein Indiz dafür, dass wir noch einige Steine auf dem Weg der Toleranz aus dem Weg schieben müssen. Doch auf der anderen Seite gibt mir persönlich eine solche Debatte auch immer wieder den Ansporn, im Alltag mutiger zu sein, und nicht zu betonen, dass ich „anders“ bin, sondern Gemeinsamkeiten zu suchen. Die beste Werbung für Toleranz ist es, sie zu leben.

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  1. Pingback: Schlimme Hetero-Gerüchte um Bierhoff! | Alexander v. Beyme

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