Das Handy – Nachfolger des Portemonnaies?

Hinweis: Dieser Blogeintrag erschien ursprünglich bei der Sendung mit dem Internet als Online-Begleitung zur Sendung vom 14. März 2011:

Schon seit vielen Jahren müssen wir im Supermarkt nicht mehr zwingend mit Münzen und Scheinen bezahlen – mittlerweile laufen große Teile unseres Zahlungsverkehrs über unsere EC- und Kreditkarten. Doch diese System sind inzwischen veraltet, und etwas neues muss her. Die Zukunft könnte in unseren Smartphones liegen. Diese sollen bald ganz einfach zum Zahlungsmittel unterwegs werden.

Wie soll das funktionieren?


So könnte das Bezahlen mit dem Handy aussehen.

Letztlich wird die Funktionsweise solcher mobilen Bezahlsysteme sehr einfach sein. Beispiel Supermarkt: Der Kunde geht ganz normal einkaufen, und geht dann am Ende wie gewohnt zur Kasse. Die Waren werden dort über’s Band gezogen, und zum Schluss erscheint der Betrag auf dem Kassendisplay.

Zum Bezahlen braucht man dann jedoch keine Karte mehr, sondern hält einfach sein Smartphone an eine Fläche an der Kasse, den sogenannten „point of sales“, wie es in der Fachsprache heißt. Dort wird ein Code, der im Handy abgespeichert ist, ausgelesen. Das kann zum Beispiel eine Kreditkartennummer o.ä. sein. Mit diesem Code kann der Supermarkt dann den Betrag, wie sonst auch, vom Konto des Kunden abbuchen.

Um den Bezahlvorgang zusätzlich abzusichern, zum Beispiel bei einer größeren Summe, kann auf dem Smartphone des Kunden auch noch eine App, also ein kleines Programm, gestartet werden. Dort wird dann zum Beispiel noch eine PIN abgefragt, wie bei der EC-Karte auch.

Solche Bezahlsysteme basieren auf der NFC-Technologie. NFC steht dabei für „near field communication“, also die Kommunikation von zwei Chips, wenn sie ganz nahe beieinander sind. So ein NFC-Chip muss im Smartphone eingebaut sein, damit der Bezahlvorgang an der Kasse abgewickelt werden kann. In einigen wenigen Smartphones, die heute auf dem Markt sind, ist bereits ein NFC-Chip eingebaut. Die Hersteller kündigen jedoch an, dass bei vielen neuen Handys ein NFC-Chip aber bereits zur Standardausrüstung gehören, zum Beispiel in den neuen Geräten von HTC, oder auch im iPhone – zumindest wird das spekuliert.

Stichwort Sicherheit

Die Magnetkartensysteme sind veraltet und unsicher | Foto: Thomas Kohler (CC BY-SA 2.0)
Die Magnetkartensysteme sind veraltet und unsicher.
Foto: Thomas Kohler (CC BY-SA 2.0)

Natürlich lässt sich daran zweifeln, ob die Einführung eines so neuartigen Systems denn sinnvoll ist, wenn bereits ein sehr altes System wie das der Magnetstreifenkarten so viele Probleme bereitet – Stichwort Kartenmanipulation. Doch gerade weil für das neue System auch so neuartige Technik eingesetzt wird, bieten sich auch viel bessere Schutzmöglichkeiten.

Die Smartphones, die viele Nutzer heutzutage mit sich herumtragen, sind regelrecht kleine Computer. Auf diesen Mini-Computern lassen sich Zahlungen viel effektiver und moderner verschlüsseln, zum Beispiel mit dynamischen Schlüsseln, die immer wieder erneuert werden. Sie würden das Bezahlen wesentlich sicherer machen. Auch könnte in Zukunft die Übermittlung der Zahlungsdaten durch den Kunden stattfinden – und nicht mehr wie bisher durch das Kassensystem.

Die Kehrseite der neuen Möglichkeiten, die Smartphones heute bieten, ist aber natürlich, dass die Kunden diese Geräte dann auch schützen müssen. Das beschreibt auch Marco Di Filippo von der Schweizer Compass Security AG, und ein Fachmann auf dem Gebiet der Sicherheit von Handys und Mobilfunktechnologien.

„Ich nutze ja das Telefon nicht nur zum Telefonieren, sondern ich hab heute unendlich viele Möglichkeiten auch Apps darauf zu installieren. Sprich, ich habe einen vollwertigen Computer. Nur diesen vollwertigen Computer muss ich auch pflegen, und das vergessen heute sehr viele User. Ich kenne kaum jemanden, der sagt: ‚Ja, ich habe auf meinem Smartphone eine Firewall und einen entsprechenden Virenscanner installiert‘.“

In diesen ungeschützten Geräten sieht Di Filippo bei mobilen Bezahlverfahren die größte Sicherheitslücke, denn so könnten Informationen von den Smartphones der Kunden mit einfachen Mitteln abgefangen und manipuliert werden.

Ein Blick in die Zukunft

Im europäischen Raum wurden solche NFC-Bezahlsysteme bereits in Spanien getestet. Ein Pilotprojekt im katalanischen Sitges (vorgestellt bei „3sat neues“ in der Sendung vom 20.02.) war laut den Organisatoren VISA und Telefónica ein Erfolg.

In Deutschland gibt es bereits seit 2008 ein System (oder eher ein Projekt) namens „mpass“ von o2 und Vodafone. Wirklich viel ist dabei für die Endkunden aber noch nicht passiert, was wohl auch an den fehlenden Smartphones mit entsprechenden eingebauten Chips liegt.

Neuer Wind in die Bemühungen der Anbieter zur Etablierung eines solchen Bezahlsystems kommt nun durch die Deutsche Telekom. Sie will ihr System „Mobile Wallet“ noch in diesem Jahr in Deutschland und Polen auf den Markt bringen, 2012 sollen dann auch andere Länder wie Tschechien, die Niederlande, und die USA folgen. Dabei will die Telekom mit den Betreibern von „mpass“ zusammenarbeiten. Zudem gibt es bereits seit November 2010 eine Kooperation zwischen der Telekom und zwei großen US-amerikanischen Mobilfunkunternehmen, AT&T und Verizon.

Trotz dieser Bemühungen bleibt die Frage, was am Ende für die Kunden im Alltag dabei herauskommt. Privatdozent Dr. Key Pousttchi, Leiter der Forschungsgruppe „wi-mobile“ an der Universität Augsburg, hält das Angebot, das den Kunden von den Anbietern gemacht wird, für den Schlüssel zum Erfolg für solche Systeme.

„Wenn Sie etwas richtig gutes machen, und der Kunde kann überall damit bezahlen; also etwas, das nicht dämlich zu bedienen ist, und das dabei auch Spaß macht – dann haben Sie den Kunden sofort auf Ihrer Seite. Alle die bisher auf dem deutschen Markt von NFC-Bezahlverfahren reden, reden auch nur davon.“

Taten würden seiner Meinung nach noch auf sich warten lassen. Doch es ist zu vermuten, dass sich hier an allen Stellen bald etwas bewegen wird – gerade weil die technischen Unzulänglichkeiten beim Sicherheitsaspekt bei den bisherigen Kartensystemen die Anbieter unter Zugzwang stellt.

Auch in Entwicklungsregionen wie Südamerika sollen die neuen Technologien im Übrigen zum Einsatz kommen. So präsentierte etwa der Anbieter „movilway“ ein entsprechendes System auf dem diesjährigen Mobile World Congress in Barcelona:

Herkunft der mobilen Bezahldienste

Mobile Bezahldienste – also Dienste, die das Bezahlen von Inhalten über das Mobiltelefon ermöglichen – gibt es eigentlich schon sehr lange. Dazu zählen beispielsweise auch die sogenannten Mehrwertdienste, wie 0900-Nummern und SMS-Dienste.

Das Handy als wirkliches Zahlungsmittel unterwegs geriet aber besonders durch einige afrikanischen Staaten ins Blickfeld. Dort sind seit längerem schon andere, wesentlich leistungsfähigere Dienste populär. Da dort die Mobilfunknetze wesentlich besser ausgebaut sind, als die Festnetze, und zudem viele Menschen zur nächsten Bank weite Strecken überwinden müssten, wurde dort ein System von „Handy-Banken“ geschaffen.

Diese Handy-Banken haben so gut wie überall Filialen, und jeder kann dort für einen kleinen Betrag ein eigenes Handy-Konto einrichten, und Geld darauf laden. In so gut wie jedem Geschäft kann dann per SMS die entsprechende Summe vom Handy-Konto abgebucht werden – ganz ohne EC-Karte oder Bargeld.

Für die Menschen vor Ort sind die Systeme eine große Erleichterung, denn so kann quasi jeder sein Geld sicher bei einer Bank verwahren lassen, und die Bezahlung von Waren und Lebensmitteln wurde stark vereinfacht.

Hinweis: Dieser Blogeintrag erschien ursprünglich bei der Sendung mit dem Internet als Online-Begleitung zur Sendung vom 14. März 2011.

1 Comment

  1. Pingback: Rückblick auf die letzten Wochen « Henning Bulka

Comments are closed.