Der Niedergang des Print. Beinahe.

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Gestern habe ich mal wieder die „GALORE“ erhalten. Schön eingeschweißt in eine Plastik-Folie, so wie sich das für ein Premium-Magazin gehört. Und als ich eben jenes Magazin nun aufschlug, fuhl mir ein Schreiben an die „GALORE“-Abonnenten in die Hände. Der erste Absatz lautete wie folgt:

„Liebe GALORE Abonnenten,

wie Sie dem Editorial der aktuellen Ausgabe entnehmen können, wird GALORE mit Erscheinen dieser Ausgabe als Print-Titel eingestellt. Natürlich wollen wir sicherstellen, dass Sie für bereits vollzogene Zahlungen eine entsprechende Gegenleistung erhalten, weswegen wir Ihnen hiermit zwei Titel zum weiteren Bezug anbieten wollen:

[…]“

Es folgen kurzen Beschreibungen der zwei Magazine „CICERO“ und „VISIONS“ und zum Schluss die Möglichkeit, zwischen beiden auszuwählen. Würde ich mich nicht bis zum 26. Juni entscheiden, würde man mein Abonnement automatisch in ein „CICERO“-Abonnement umwandeln. Aber wieso das alles? Hierzu lohnt sich ein Blick auf besagtes Editorial.

„Liebe Leserinnen, liebe Leser,

für gewöhnlich begrüßt Sie an dieser Stelle unser Chefredakteur, um Sie auf das vorliegende Heft einzustimmen. Dass Sie in diesem Monat mit meinen Ausführungen vorlieb nehmen müssen, kommt jedoch nicht von ungefähr. Womöglich ist es schon über diverse Medien zu Ihnen durchgedrungen, spätestens jetzt möchte ich Ihnen mitteilen, dass diese GALORE Ausgabe die letzte gedruckte sein wird.

Als wir GALORE im Dezember 2003 erstmalig veröffentlichten, war allen Beteiligten klar, dass es eine ambitionierte Aufgabe sein würde, den Titel zu etablieren. Manchmal ist aber der Elan und die Freude am Projekt größer als der Sinn für die Realität, und die besagte schon damals, dass der Zeitschriftenmarkt vor großen Schwierigkeiten steht. So haben wir in den vergangenen fünfeinhalb Jahren quasi monatlich um das Überleben unseres Magazins gekämpft – zumindest mit einem Teilerfolg, denn der Ruf von GALORE ist ausgesprochen gut und die Akzeptanz bei den Lesern bemerkenswert. Problematisch gestaltete sich eher der für jedes Magazin überlebenswichtige Anzeigenverkauf. Nicht zuletzt durch die aktuelle Wirtschaftskrise, die das derzeitige Denken und Lenken der Marketing-Entscheider diktiert, entstand für uns Anfang dieses Jahres eine Situation, die es nicht zuließ, GALORE weiterhin gedruckt zu publizieren: Für Marketingkunden zählt auf absehbare Zeit nicht der qualitative, sondern der quantitative Kontakt – eventuell vorhandene Print-Etats werden folgerichtig immer seltener in „spezielle Nischentitel wie GALORE“, um Marketing-Deutsch zu bemühen, investiert. Womöglich ist diese Denke in Krisenzeiten sogar nachvollziehbar, als mittelständischer Verlag ist so eine Situation aber längerfristig nicht schadlos zu überstehen.

Angetrieben von der Wahrnehmung, dass GALORE weder qualitativ noch aufgrund der inhaltlichen Ausrichtung gescheitert ist, war es uns wichtig, die Marke am Leben zu erhalten. Vor diesem Hintergrund haben wir uns für einen Formatwechsel entschieden: GALORE wird ab dem 6. Juli im Internet weiterleben. Unter www.galore.de möchten wir Ihnen an jedem Wochentag um 12.00 Uhr ein neues und exklusives Interview präsentieren – die Gespräche werden jedem Besucher gratis zur Verfügung gestellt, was auch auf die bereits gut 900 geführten Interviews aus vorherigen GALORE Ausgaben zutrifft.

Ich möchte keinen Hehl daraus machen, dass ich es im Grunde aus tiefster Überzeugung ablehne, journalistische Inhalte kostenlos anzubieten. Verlage stellen über den Verkauf von Inhalten an die Leser sicher, dass unabhängiger Journalismus existieren kann, dass Recherchen möglich sind, dass Autoren nicht zum Sprachrohr von Anzeigenkunden werden, schlicht: dass Journalisten für die gewissenhaften Ausübung ihres Berufs eingestellt und bezahlt werden können. Wenn dieses Prinzip in Schieflage gerät (und bei einem genauen Blick auf den generellen Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt kann man zu der Annahme gelangen, dass wir uns auf dem besten Weg dahin befinden), ist eine gesunde, unkäufliche Meinungsvielfalt in Gefahr – und damit auch ein Wert, der von großer Bedeutung für jede funktionierende Demokratie ist.

Natürlich spricht diese Überzeugung vehement gegen den Ansatz, die Marke GALORE gratis im Internet zu positionieren. Fällt Ihnen ein Ort ein, an dem Inhalte, Werte und manchmal auch Überzeugungen mehr verramscht werden als im World Wide Web? Mir nicht. Uns würde aber erneut der Sinn für die Realität abgehen, wenn wir versuchen würden, gegen das in den vergangenen 15 Jahren erlernte, gratis-geschulte Konsumverhalten der Internet-Nutzer anzugehen – wenn selbst ein Dickschiff wie „Der Spiegel“ mit dem Versuch scheitert, seinen Nutzern kostenpflichtige Inhalte zu verkaufen, haben wir guten Grund zur Annahme, dass es im Moment zu dem von uns angedachten Modell keine Alternative gibt – zumindest, wenn man davon getrieben ist, die Marke am Leben zu erhalten.

Es gibt aber auch einen Umstand, auf den wir uns in Zukunft wirklich freuen: Das Internet bietet den Vorteil, GALORE jedem zugänglich zu machen. Es gibt durchaus Gründe für die Annahme, dass die Marke in der Welt der Bits & Bytes die Popularität und Reichweite erlangen kann, die ihr am Kiosk stets ein wenig verwehrt blieb. In diesem Sinne würde ich mich freuen, Sie ab dem 6. Juli auf dem von Gründungsmitglied Sascha Krüger geleiteten Interview-Portal www.galore.de begrüßen zu dürfen. Gestatten Sie mir abschließend noch, mich bei Chefredakteur André Boße für sein bemerkenswertes Engagement in den letzten Jahren zu bedanken. Er wird fortan als freier Autor arbeiten und mit seinen Interviews auch zum Gelingen unserer neuen Herausforderung beitragen.

Herzliche Grüße,

Michael Lohrmann, Herausgeber und Verleger“

Wow. Ja. Von der Einstellung der „GALORE“ als Print-Produkt hatte ich schon im Vorfeld auf DWDL.de gelesen. Jedoch war mir dabei das Ausmaß der Dinge nicht ganz klar geworden.

Besonders erschütternd finde ich die Haltung von Herrn Lohrmann selbst, und zwar in Bezug auf den derzeit immer stärker wachsenden Online-Markt. Sicher, ich kann verstehen, dass er die Zukunft der „GALORE“ ursprünglich nicht im Netz gesehen hat, und das haben wahrscheinlich die wenigstens, als die „GALORE“ 2003 an den Start ging. Jedoch irritieren mich die Skepsis und die Vorurteile gegenüber dem Medium Internet, die Herr Lohrmann im Editorial der letzten „GALORE“ schildert.

Natürlich versucht er, dem Ganzen zum Schluss auch etwas Gutes abzugewinnen, und ich glaube, dass die „GALORE“ als Marke durchaus Chancen hat, sich gut im deutschen Online-Markt zu platzieren. Aber ein Weiterleben im Netz wird hier wie ein letzter Rettungsanker beschrieben, der eigentlich so dreckig ist, dass man vorher nicht einmal gewagt hätte, ihn anzusehen. Diese Einstellung finde ich überaus verwerflich.

Das Internet ist mehr als ein Rettungsanker. Es ist Teil des neuen Medien-Quartetts, bestehend aus den Bereichen Fernsehen, Radio, Print und Online (denn ich glaube nicht, dass eines der vier wirklich ausstirbt). Dass der Herausgeber eines so überzeugenden Blattes wie die „GALORE“ immer noch so abschätzig auf den Online-Markt blickt, verwundert mich und zeigt mir, dass gerade das Verlagswesen immer noch nicht erkannt hat, dass man das Netz nicht einfach nur als einen Ort unbegrenzten „gratis-geschulten“ Nutzerverhaltens sehen kann. Sicher, der „SPIEGEL“ ist mit seinem Modell, Inhalte zu verkaufen gescheitert. Aber das heißt nicht, dass die Internetnutzer partout alles für umsonst haben wollen. Das lässt sich an den immer weiter steigenden Verkäufen bei Musik und Filmen über Portale wie z. B. iTunes ganz eindeutig festmachen.

Ich denke, es braucht weiterhin den Dialog zwischen den Vertretern der einzelnen Medien, und damit einhergehend ein Aufbrechen alter Vorurteile. Zum Glück geschieht das immer weiter, und immerhin hat selbst ein anscheinender Internet-Skeptiker wie Herr Lohrmann den Schritt hin zu einem Produkt für den reinen Online-Markt gemacht. Das ist meiner Meinung sehr zu begrüßen.

Und so danke ich der Redaktion der „GALORE“ für ihre bisherige, großartige Arbeit an der Print-Ausgabe und wünsche ihr weiterhin viel Glück auf dem Weg mitten hinein ins Netz. Ich werde euch weiter lesen!

Jetzt aber zu der oben stehenden Frage. Meine herzallerliebsten Leser, welches Magazin soll ich denn nun anstatt der „GALORE“ lesen? Stimmt ab und gewinnt keinen iPod Touch!

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Herzlichen Dank für euer Gehör!

2 Comments

  1. Die Interviews von denen sind wirklich gut.

    Aber wie man Inhalte an den Mann kriegt, müssen sie noch lernen.

    Ich würde ihnen ja Podcast-Interviews empfehlen. Wenn das nicht so Pfui Pfui wäre.

    ;-)

  2. Astrid Dziadek

    Eindeutig Cicero!

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