Der Fetisch des „echten Lebens“


Foto: Andrew Mason. Lizenz: CC BY 2.0.

Im Laufe der vergangenen Jahre habe ich, freundlich wie ich bin, mehrmals meine Persönlichkeit der Wissenschaft zur Verfügung gestellt, und an verschiedensten Studien und Online-Befragungen genommen. Häufig untersuchten die auch in irgendeiner Form das Mediennutzungsverhalten der Probanden.

Eine Frage, die mir dabei immer seltsam vorkam: „Wie viele Stunden am Tag sind Sie online?“, gerne auch variiert „Wie viele Stunden am Tag verbringen Sie im Internet?“.

Spätestens seit ich Besitzer eines Smartphones mit Datentarif bin, kreuze ich in so einem Fall die Option „24 Stunden“ an – bzw. häufig die Maximaloption à la „mehr als 4 Stunden“. Denn ganz ehrlich: Wann bin ich einmal nicht online? Im Funkloch vielleicht, oder wenn der Akku alle ist. Und ich bin tunlichst bemüht, genau diese Situationen zu vermeiden.

Zu viel Online?

Ist das schlimm? Macht mich das zu einem Internetabhängigen? Diese Frage und die dahinter stehende Annahme, dass dauerhaftes Online-Sein irgendetwas Schlimmes, Weltentfremdetes oder Realitätsfernes sein könnte, scheint dieser Tage ein beliebtes Narrativ zu sein.

In der oben stehenden Folge des Klub Konkret – mit dem von mir sehr geschätzten, aber gelegentlich auch sehr „meinungsstarken“ Marcel Wichmann, u.a. von Quote.fm – wird die „exzessive Smartphone-Nutzung“ immer wieder als etwas Negatives beschrieben, wobei Marcel natürlich die gegenteilige Meinung vertritt.

Mein Fazit der Sendung: Sicher, es mag Menschen geben, die mit ihrem Medienkonsum auf eine problematische Bahn geraten, doch das liegt nicht am Internet oder am Smartphone, sondern an ihrer Sozialisation und ihrer mangelnden Einbindung in soziale Netzwerke – im soziologischen Sinne, ich meine damit also nicht zwingend Facebook oder etwas ähnliches.

Der Traum vom Offlinesein

Doch nicht nur, dass es schädlich sei, dauerhaft online zu sein, zieht sich durch aktuelle Diskurse. Bewusst offline zu sein scheint, für viele etwas sehr Erstrebenswertes zu sein. Von solchen beinahe paradiesischen Erfahrungen anderer schreibt auch Eike Kühl in seinem Artikel Der falsche Traum vom Offlinesein für die ZEIT. Dabei kommt er auch auf den Begriff des „IRL-Fetisch“, also den Fetisch des „echten Lebens“, zu sprechen, beschrieben durch Nathan Jurgenson. Diese Begrifflichkeit passt auf das Preisen des „Offlineseins“ wohl ganz gut.

Normalerweise finde ich Experimente von irgendwelchen Autoren und Journalisten, die für eine bestimmte Zeit „offline“ gehen, und dann über die „echte Welt“ schreiben, ziemlich langweilig. Anders ist es beim Tech-Blogger Paul Miller von The Verge, der seit dem 1. Mai „offline“ ist und über seine Erfahrungen schreibt – auf wirklich sehr humorvolle und sympathische Weise (Funfact: Die Blogeinträge gibt er per USB-Stick an seine Kollegen weiter). Auch er greift in seinem letzten Blogeintrag What is the internet? den „IRL-Fetisch“ auf.

Die nächste Stufe des Experiments „Internet“

Darin schreibt Miller dazu über das, was ich anfangs als eine Art Missverständnis der „Nicht-Digital-Natives“ beschrieb, und was Eike Kühl ebenso zu stören scheint: Ist eine Trennung zwischen Offline- und Online-Welt in „echte Welt“ und „unechte Welt“ überhaupt noch sinnvoll? Entspricht das noch der Wirklichkeit, oder sind beide Welten nicht schon komplett miteinander verschmolzen? Schließlich handelt es sich beim „World Wide Web“ nicht mehr um kalte, unmenschliche Websites, sondern hinter jede Ecke verstecken sich echte Menschen, die im Netz schlicht eine neue Kommunikationstechnik sehen – und es auch so nutzen.

Das Netz ist menschlich geworden.


Designstudie des „Project Glass“ von Google. Foto © Google, Inc.

Doch nicht nur das macht aus meiner Sicht die Trennung zwischen „Offline-Welt“ und „Online-Welt“ obsolet. Der Tech-Blogger Robert Scoble schrieb heute über den Beginn eines neuen Webzeitalters, nämlich dem des „contextual web“. Dahinter steckt die Idee, dass auch Geräte wie unsere Smartphones oder vielleicht künftig auch unsere Brillen nicht mehr abgekapselt von unserer Lebenswelt einfach nur Tweets und Websites anzeigen, sondern förmlich mit unserer Umgebung verschmelzen. Früher Digitales wird plötzlich greifbar und integriert sich perfekt in unser Leben – eine Unterscheidung ist nicht mehr möglich, aber ob der Inhalte auch nicht mehr sinnvoll.

Unsere mobilen Minicomputer, die wir mit uns rumschleppen, wissen mittlerweile, wo wir sind, anhand unserer Kalender auch, warum wir irgendwo sind, mit wem wir dort sind, wie es dort aussieht, was für Wetter dort ist – und wann der nächste Zug nach Hause fährt. All diese Informationen intelligent zu kombinieren, das ist die große Aufgabe, an der Entwickler überall auf der Welt gerade arbeiten. Das Ziel ist klar: Das Netz endlich nicht mehr als künstlichen Raum zu begreifen, sondern es uns in seiner ganzen Komplexität und Funktionalität zur Verfügung zu stellen.

Ich freu‘ mich drauf. Und ihr?

4 Comments

  1. Nun ja, die Frage zielt wohl eher auf Ihre Nutzungsgewohnheiten. Nur weil Ihr Smartphone 24 Stunden pro Tag am Netz hängt, beschäftigen Sie sich ja (hoffentlich) nicht 24 Stunden damit.

    • Das stimmt wohl. Wobei ich selbst, wenn ich das Smartphone in der Hand halte und es bediene, zwingend davon sprechen, dass ich mich mit dem Smartphone beschäftige. Viel mehr interagiere ich mit anderen Menschen, das Smartphone ist nur Medium, nicht Kern der Handlung.

      Darauf wollte ich im Prinzip auch hinaus: Die Grenzen verschwimmen immer mehr, und nur, weil jemand häufig sein Smartphone zückt, heißt das nicht, dass er keine sozialen Kontakte hat.

      Wobei, und das gebe ich gerne zu: Nicht zu jeder Gelegenheit nutze ich mein Smartphone bzw. das Netz als Medium, schließlich ist das häufig auch gar nicht nötig – etwa, wenn ich anderen Menschen gegenüber stehe. Doch diese Trennung ergibt, in meinen Augen, ohnehin immer weniger Sinn.

  2. Pingback: Pottblog

  3. Paul Lewis

    I remember clearly the days before the world wide web and digital mobile phones, and in those days we had the same tools, but in different formats.

    Imagine, carrying around…
    -a physical diary with you every where you went.
    -a pager so that people could send you an instant text message.
    -a road map of your local area
    -an address/telephone book with all of your friends telephone and pager numbers
    -a telephone card so that you could use a payphone without having to carry cash
    -regular meeting places, like a pub or McDonalds where we could meet up and chat (eq. Social Networking)

    life wasn’t so different, we just had to have big pockets to carry everything around with us!

    One thing I like about going camping is the freedom to be away from the Internet, but with modern smart phones the internet can still come along too. I personally limit my use of smart phones when on holiday to the essentials. I don’t use email or social networking when on holiday, and use it only to help me find the best places to visit – and if necessary, use the GPS to help me get there!

    I use computers for at least 10-12 hours each day. I hate email and detest how our lives can be forced to be revolved around the internet… but in my opinion… its personal choice. You are either someone who chooses to use the internet, or someone who is dependent on the internet.

    Since last year, when my Internet connection was upgraded to FTTC (6/48mb) I use the Internet to watch streaming television/movies and would miss that functionality as I enjoy it… but that said, I can also easily watch TV through an aerial, satellite dish or simply insert a DVD into the player should I decide – so again, it’s down to choice and options.

    Great article Henning!

    Paul

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