PRIDE1: „Kirche PositHIV“ im Porträt


Foto: Thomas Kohler. Montage: Henning Bulka. Lizenz: CC BY-SA 2.0

Was machen eigentlich Christen, wenn sie erfahren, dass sie HIV-positiv sind? Erzählen sie es den anderen Gemeindemitgliedern? Oder leben sie ab diesem Zeitpunkt im Versteckten? Denn das Thema HIV ist keinesfalls ein einfaches in der christlichen Glaubensgemeinschaft und wie auch im Rest der Gesellschaft mit vielen Vorurteilen und Stigmatisierungen belegt.

Anlässlich des morgigen Welt-AIDS-Tages habe ich für das schwuLesBische Szene-Webradio PRIDE1 – Anders hören ein Stück über die Berliner Intitiative Kirche PositHIV gemacht, die sich genau dieser Thematik annimmt, und gesellschaftsübergeifend für mehr Toleranz in allen Konfessionen wirbt. Hier bei mir im Blog könnt ihr den Beitrag, der in dieser Woche an mehreren Sendeplätzen auf PRIDE1 läuft, nachhören und auch nachlesen.

Ich bin gespannt auf euer Feedback und eure Meinung!

(Das Skript gibt’s nach dem Klick!)

Es ist 1993 in Berlin, als eine ganz besondere Kirchengemeinde ins Leben gerufen wird. Kirche PositHIV, mit „h“ in der Mitte geschrieben – wie in „HIV“. Eine Initiative und ökumenische Gemeinde, gegründet von der evangelischen Pfarrerin Dorothea Strauß. Mehrere Freunde hatte sie zu der Zeit schon an die Krankheit AIDS verloren. So wuchs in ihr der Wunsch, auch in der Kirche HIV und AIDS zu einem Thema zu machen – die Initiative Kirche PositHIV war geboren.

„Unser Ziel ist: Menschen mit HIV in den Kirchen eine Heimat geben. Wir möchten, dass Menschen mit HIV und AIDS, so wie andere auch, beheimatet sich fühlen können in den Kirchen.“

30 Ehrenamtliche unterstützen mittlerweile die Initiative. Zusammen mit Dorothea Strauß und dem katholischen Franziskaner Clemens Wagner feiern sie ökumenische Gottesdienste, führen Gespräche untereinander und in Selbsthilfegruppen, und treffen sich zum Stammtisch. Dazu kommen gemeinsame Reisen und Klosteraufenthalte.
Für Dorothea Strauß ist das größte Problem für HIV-Positive heute nicht unbedingt ein anderer Umgang der Kirche mit dem Thema als im Rest der Gesellschaft – viel mehr hätte sich die Einstellung aller Menschen dazu verändert.

„Es war früher so, da gab es eine Slogan von der Deutschen AIDS-Hilfe: ‘AIDS hat ein Gesicht’. Und meine Erfahrung ist jetzt immer mehr in letzter Zeit, dass das nicht mehr so ist. AIDS hat kein Gesicht mehr. Ich denke, die meisten kennen einfach niemanden, der HIV-positiv ist.“

HIV und AIDS als Probleme, die man nicht sieht. Viele HIV-Positive leben sogar mit ihrer Infektion, ohne das andere etwas davon bemerken. Das fördert zwar auf der einen Seite Normalität – andererseits rückt so das Problem HIV aber auch weit weg vom Alltag und der Wahrnehmung der Menschen.

„Es ist so, dass für die Kirchen AIDS weit weg ist. Also, ich glaube das gilt auch für die Gesellschaft: AIDS ist in Afrika. Aber, dass jemand, der mit mir zusammen arbeitet, mein Kollege, meine Kollegin, oder derjenige, der neben mir in der Kirchenbank sitzt, HIV-infiziert ist, das denkt man so nicht.“

Kirche PositHIV will genau das ändern, und die Themen HIV und AIDS wieder ins Bewusstsein rücken. Dorothea Strauß und ihre Mitstreiter machen sich dafür stark, Infizierte schlicht nicht anders zu behandeln, wie alle anderen Menschen auch. Christen, die sich nicht trauen, sich in ihrer Gemeinde als HIV-positiv zu outen, wollen sie dabei eine neue Heimat geben.

Die Arbeit von Kirche PositHIV wird dabei nicht nur durch viele Ehrenamtliche unterstützt, sondern auch durch politische Prominenz: Der SPD-Politiker und Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse macht sich stark für die Initiative – laut Dorothea Strauß nicht nur aus der Ferne.

„Wolfgang Thierse kommt jetzt zum Beispiel zum Welt-AIDS-Tag zu unserem Gottesdienst. Er hat letztes Jahr gepredigt. Es ist einfach gut, wenn wir jemanden haben, der einen Namen in der Kirche hat. Wolfgang Thierse ist katholisch, und das ist bekannt. Und insofern ist es schon gut, wenn wir solche Unterstützung haben.“

Mit dieser Rückendeckung will Kirche PositHIV auch in Zukunft weiter für Toleranz für und Integration von HIV-Positiven in die christliche Gemeinschaft werben – ob evangelisch, katholisch, orthodox oder freikirchlich.

Mehr Infos zu Kirche PositHIV findet ihr auf kirche-posithiv.de.

1 Comment

  1. Schön zu hören, dass es auch von Seiten der Kirche (einige!) Menschen gibt, die sich mit diesem Thema befassen und solche Arbeit leisten. Guter Beitrag.

    Und: Welch Radiostimme, lieber Henning! Ich bin entzückt ;)

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