
Foto von Joriel Jimenez
Ich bin erschüttert. Zutiefst erschüttert. Und zwar darüber, was mit unseren GEZ-Gebühren geschieht. Die Sendung, die heute Abend auf “Phoenix” lief, war das Dreisteste, was ich bisher an öffentlich-rechtlichen, angeblich journalistischen, Fernsehinhalten zu Gesicht bekommen habe. Aber zunächst zu den Fakten.
Heute Abend sendete der Fernsehsender “Phoenix”, ein Programm von ARD und ZDF, um 22.15 Uhr die Sendung “Unter den Linden”, in der der Programmgeschäftsführer Christoph Minhoff den ehemaligen Bundesminister der Verteidigung und Staatsrechtler, Prof. Rupert Scholz (CDU), sowie den Vorsitzenden der Piratenpartei Deutschland, Dirk Hillbrecht, zum Thema “Unter Piraten – Wem gehört das geistige Eigentum?” befragte. Soweit so gut.
Von dieser doch sehr vielversprechenden Runde zu einem sehr aktuellen und mir wichtigen Thema hatte ich einiges erwartet. Aber wahrscheinlich auch nur, weil mir der Name Christoph Minhoff zuvor noch nicht geläufig war. Denn dieser berichtete selbst fröhlich während der Sendung, dass er ja schon einmal im Kreuzfeuer der Netzgemeinde gestanden hätte, weil er sich so unglücklich ausgedrückt habe, dass man es so verstehen konnte, er wolle eine Zensur für das Internet.
Nun, ich denke, durch die heutige Sendung hat er selbige Vorurteile, die einige Menschen schon durch diese Äußerung gegen ihn hegten, noch untermauert. Denn das, was Herr Minhoff mit der Sendung des heutigen Abends “vollbracht” hat, nennt sich ganz klassisch Demontage. Anstatt dass er die Diskussion zwischen Herrn Scholz und Herrn Hillbrecht moderierte, schwang er sich sogleich auf die Seite des Konservativen, und bombardierte den “Piraten” in der Runde, so schlagfertig er sich auch gab, mit einer schlecht recherchierten These nach der anderen.
Vom Vorwurf der Verhinderung der Bekämpfung von Kinderpornographie, über sog. “Killerspiele” bis hin zur vermeintlichen Zerstörung der Idee des Urheberrechts – alles war dabei. Herr Scholz durfte nicken und lächeln, während Minhoff die unfaire Schlammschlacht immer weiter ausbaute. Dabei blieb Dirk Hillbrecht erstaunlicherweise die gesamte Zeit sachlich und führte geduldig die bekannten Argumentationen der Piratenpartei an, wenn auch immer mit dem Hinweis, dass selbige Argumente ja nicht gehört würden. Recht behielt er, es hörte ihm letztlich niemand zu.
Den Gnadenstoß für jegliche Fairness in dieser Runde stellte dann schließlich die Nennung des Falles Jörg Tauss dar. Und natürlich sprach nicht der CDU-Mann in der Runde diese schmutzige Debatte an, nein, das übernahm der Herr Gesprächsleiter für ihn. Ein Albtraum. Beinahe belustigt und geradezu herausfordernd äußerte sich dieser schließlich noch dazu, dass in Folge der Sendung sicherlich eine ganze Fülle von Blogeinträgen behaupten würde, er und Herr Scholz hätten das alles nicht verstanden. Tja, und da muss ich ihm wohl Recht geben.
Weder Christoph Minhoff noch Rupert Scholz haben verstanden, worum es in dieser Debatte überhaupt geht. Solche Fälle sind leider nichts neues. Viel schlimmer jedoch: ich habe noch nie erlebt, wie eine demokratisch bestätigte und in so kurzer Zeit so stark wachsende Partei in derartiger Weise öffentlich sabotiert wurde. Und zwar nicht von irgendeinem dahergelaufenen Journalisten, sondern wohlgemerkt vom Programmgeschäftsführer des öffentlich-rechtlichen Senders “Phoenix”.
Ein Kompliment geht an dieser Stelle an Dirk Hillbrecht, der entgegen aller Widerstände in dieser Runde die Nerven behielt und für seine Sache einstand. Jedes Mal aufs Neue konterte er logisch und besonnen, was nur immer wieder zu einer erneuten schmutzigen Provokation führte.
Aber, was solls, die Sendung ist vorbei. “Phoenix” hat seine Chance vertan, eine spannende Diskussionsrunde zu einem akuten Thema zu realisieren. Und den “Piraten” wird wohl nichts anderes übrig bleiben, als weiter jede Möglichkeit für den sachlichen Diskurs zu nutzen.
Auf zu neuen Ufern!
UPDATE:
Kurz nach Mitternacht ging auch im Community-Bereich des “Freitag” ein Artikel zur betreffenden Sendung online. Dieser lässt zwar nicht so viele gute Haare an Dirk Hillbrecht in diesem Gespräch, erscheint mir aber trotzdem sehr fair argumentiert. Und in einigen Punkten muss ich mich anschließen.
Los, anschauen: freitag.de – Die “Piraten” wurden vorgeführt
UPDATE 2:
…und eine weitere Zusammenfassung, die ich als fast noch besser formuliert einschätze, da sie beide Elemente, an der die Sendung krankte, beschreibt, gibt’s bei F!XMBR.
1. Das System funktioniert und stützt sich selbst gegen Kräfte von außen. “Das Internet” bekommen die Damen und Herren Medien auch noch tot.
2. Welch Glück, dass ich dies Grausen nur in den entsetzten Rückmeldungen miterleben musste. Anderes hätte mein Kreislauf heute auch nicht überlebt – siehe jenes Erlebnis, ein klarer Fall von “himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt”.
Zum Glück hat Phönix nur eine Einschaltquote von 0,0000001 %
@Phillip:
Naja, so um die 0,5 bis 0,6 % Marktanteil werdens doch gewesen sein. Aber du hast natürlich Recht, ist was anderes, als wäre es im Ersten gelaufen. Weniger wütend macht mich das deshalb nicht…
Pingback: Die Piratenpartei und PHOENIX « Welt des Simplizissimus
hallo, automatisches trackback hat nicht geklappt, deshalb nochmal eine inhaltliche anmerkung so:
Urheberrechtsreform der Piraten – Ideen und Irrtümer
Ich hatte heute Nachmittag die Zeit, mich nochmal intensiv mit dem Programm der Piratenpartei auseinanderzusetzen. Insbesondere das, was die Piraten zum Urheberrecht und der (nicht-)kommerziellen Vervielfältigung schreiben, ist interessant. Ich zitiere mal ein paar Passagen und kommentiere diese gleichzeitig…
http://simplizissimus.wordpress.com/2009/06/24/irrtumer-der-urheberrechtsreform-der-piraten/
Sorry, aber wir brauchen m.E. heutzutage leider etwas mehr Intoleranz im Netz, z.B. gegen die sog. “Menschenrechtler” von Al Qaida, die Barbarei mit Hightec verbinden und das Netz dazu benutzen, Terroranschläge auf unschuldige Opfer zu planen und ins Werk zu setzen.
@Astrid:
Es hat doch auch niemand behauptet, dass er dem, ich nenne es mal so, “Cyber-Terrorismus” (ich weiß, grauenvolles Wort) tolerant gegenüber steht. Darum ging es bei dieser Debatte auch überhaupt nicht.