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Eine gedankliche Momentaufnahme…

Sonnenuntergang auf Sylt
Sonnenuntergang am Strand nördlich von Hörnum auf Sylt

Diese Woche war ich von Montag bis Freitag auf Sylt, und zwar nicht zum Urlaub machen, sondern für das Abschluss-Seminar des Freiwilligen Ökologischen Jahres (FÖJ) 2008/09 in Schleswig-Holstein. Dabei waren wir auf einem traumhaft schön gelegenen Campingplatz am Sylter Ostufer nördlich von Hörnum einquartiert. Die Tage waren eindrucksvoll, und es war schön, all diese mir lieben Menschen noch einmal wiederzutreffen. Fünf Tage, in denen wir nicht nur an spannenden Themen rund um das Wattenmeer gearbeitet haben, sondern in denen wir das vergangene Jahr für uns selbst und in der Gruppe reflektiert haben. Und wir wagten einen Ausblick auf das, was nun auf uns zukommt. Studium, Beruf, Ausbildung, aber manchmal auch Ungewissheit.

Währenddessen stand die Welt um uns herum nicht still, auch wenn es uns vielleicht so schien. Auf Sylt vergisst man die Zeit sehr schnell. Und der Blick für das Schöne und Vollkommene gerät in den Vordergrund. Man denkt nicht mehr so sehr darüber nach, was schief läuft in der Welt, auch wenn das natürlich mit ein Anspruch des FÖJ ist – sich einmischen, sich eine Meinung bilden und diese auch aussprechen. Aber was taten wir? Nur am Rande fielen Begriffe wie „Internetzensur“ oder „CO2-Einlagerung“, die Entwicklungen im Iran wurden nicht ein einziges Mal wirklich angesprochen. Ein Fehler? Nein, es war vielmehr einfach nicht der Ort dafür, nicht der Moment.

Nun, da ich von meinem Aufenthalt auf Sylt zurückgekommen bin, fühle ich mich erschlagen. Ein gewisses Taubheitsgefühl umfängt mich. Das geht mir immer so, wenn ich einige Tage lang aus dem Informationsfluss aussteige, und dann versuche, wieder einzusteigen. Sicher, das ein oder andere Mal habe ich auch auf Sylt einen Blick auf Twitter geworfen, aber das waren nur Momentaufnahmen. Was wirklich alles passiert ist in der Zwischenzeit, habe ich wahrlich als ein riesen Paket an Nachrichten und Bildern vor die Füße geworfen bekommen.

Henning grünStichwort Twitter: mein User-Icon ist dort jetzt mit einem grünen Overlay belegt. Warum? Um meine Unterstützung für die Menschen im Iran zu symbolisieren, die dort derzeit für ihre Freiheit auf die Straße gehen. Von der Aktion erfuhr ich heute Abend über einen Tweet von Hendryk, nachdem ich schon einige eingegrünte User-Icons gesehen hatte. Auf den ersten Blick eine schöne Sache, aber auch wirklich sinnvoll? Ich weiß es nicht.

„Ja, da bummst es bald“ – das meinte heute Abend ein guter Freund zu mir. Gemeint war der Iran. Mich erinnerte dieser Satz an das, was ich über die Stimmung kurz vor dem 9. November 1989 in Deutschland und vor allem in der DDR gehört habe. Als ein Mensch, der zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung als Sohn von zwei ehemaligen DDR-Bürgern geboren wurde, habe ich eine ganz besondere Beziehung zu den Vorfällen, die damals in Deutschland geschahen, und die für die gesamte Welt Bedeutung hatten – das Ende des kalten Kriegs. Heute sind es die Menschen in Teheran, die es satt haben, sich ihr Leben diktieren zu lassen und endlich nicht mehr eingeschränkt leben wollen. Eine, wie ich finde, spannende Parallele. Doch trotzdem unterscheiden sich beide Situationen so fundamental.

Letztlich bin ich eigentlich viel zu unwissend, um meine Gedanken zu dem Thema öffentlich zu machen. Doch es rumorte schon den ganzen Tag in meinem Kopf, und irgendwohin musste ich diese Wut, die sich in mir ausbreitet, entlassen. Oh ja, es macht mich furchtbar wütend, was im Iran geschieht. Wie die Regierung mit den Bürgern dieses Landes umgeht. Wie religiöse Führungspersonen im Namen ihres Gottes das Volk mit Füßen treten. Und wozu führte diese Wut heute Abend bei mir?

Ich habe mir „Mars Attacks!“ von Tim Burton auf RTL II angesehen. Ja, wirklich, an einem Tag, an dem so viel geschehen ist, gegen das man eigentlich aufstehen und auf die Straße gehen müsste, lag ich vor dem Fernseher und ließ mich berieseln. Habe ich falsch gehandelt? Ich weiß es nicht. Was hätte ich schon tun sollen? Nach Kiel fahren und mich mit einem Pappschild mit der Aufschrift „Free Iran“ auf die Straße stellen? Komische Blicke hätte ich geerntet, von all den Leuten, die zur Zeit in Kiel zum größten Volksfest Nordeuropas zusammenkommen.

Ja, es ist Kieler Woche 2009. In Feierlaune bin ich nicht. Aber da zeigt sich wieder einmal eine der vielen perversen Seite unserer Welt. An vielen Orten der Erde steht die Bevölkerung für ihre Freiheit ein, und diejenigen, die diese Freiheit schon haben, machen sich einen Lenz. Darf man diese Menschen dafür verurteilen, dass sie ihre Möglichkeiten so ausleben und dafür vielleicht vor anderen Dingen, die unrecht sind, die Augen verschließen? Dafür, dass sie wegschauen, dass sie ihr eigenes kleines Leben für wichtiger erachten? Nein, denn so sind wir Menschen nun einmal. Wir haben einen beschränkten Horizont, und von Zeit zu Zeit muss jeder einmal runterkommen und den Blick für das für einen persönlich Relevante wiedergewinnen.

Nichtsdestotrotz macht es mich wütend. Ja, es macht mich wütend und traurig, dass heute in Kiel die Menschen nicht für die Freiheit der Iranerinnen und Iraner auf die Straße gingen, sondern um Spaß zu haben. Es wirkte für mich kurzzeitig auch ignorant, dass die Mitarbeiter des Gettorfer Supermarktes heute nichts anderes zu tun hatten, als ihren Filialchef zu verabschieden. Die Welt dreht sich für jeden unterschiedlich schnell. Und ich kann niemanden dafür verurteilen wenn er darüber den Rhythmus der anderen aus den Augen verliert.

Himmel über Teheran
Himmel über Teheran | Foto: Hamed Saber

Heute Abend klebten die Massen der Fernsehzuschauer wohl auch vor den Bildschirmen, um einen Boxkampf auf RTL zu verfolgen. Mit Abstand betrachtet mag das pervers wirken. Da schauen sie zu, wie sich zwei erwachsene Männer für Geld prügeln, und an einem anderen Fleck auf der Welt schlagen sich die Menschen nicht für Geld, sondern für ihr Leben, für ihre Freiheit. Da ist der Kampf ganz real, die Gewalt die volle Wirklichkeit. Ich schaute mir vorhin die „Tagesschau in 100 Sekunden“ an. Dort fand der Boxkampf keine Erwähnung.

Vielleicht sind wir wirklich in einer Schockstarre. Vielleicht verschließen wir unsere Augen, um uns selbt zu schützen. Vielleicht auch aus Ignoranz. Mir gehen gerade die Worte aus. Und ich glaube, dieser Text ist sehr verworren. Er ist eine Momentaufnahme eines verwirrten Kopfes. Verwirrt von der Welt und von den Köpfen, die in ihr leben.

Frieden für die Menschen im Iran.
Frieden für die Welt.
Das ist alles, was ich mir wünsche.