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Gemeinwohlökonomie: Kann es einen „sozialen Kapitalismus“ geben?

Mitarbeiter an der Börse in São Paulo. Foto: Rafael Matsunaga. Lizenz: CC BY 2.0.

Mitarbeiter an der Börse in São Paulo. Foto: Rafael Matsunaga. Lizenz: CC BY 2.0.

Kapitalismus. Was heißt das heute? Als erstes fallen mir dazu Schlagworte ein wie: Deregulierte Finanzmärkte. Ständige Gewinnmaximierung mit irrsinnigen Renditezielen. Ein immer stärkeres Auseinanderklaffen von Arm und Reich, und zwar nicht nur in Deutschland, sondern in noch viel größerem Maße zwischen den großen westlichen Wirtschaftsnationen und Entwicklungsregionen. Globalisierung und ihre Negativfolgen.

Klar, das ist Kapitalismus in seiner Reinform, möchte man meinen. Es geht um die Steigerung des eigenen Reichtums, um des eigenen Reichtums Willen. Aber ist das wirklich alles, was Kapitalismus kann? Schließlich wissen doch eigentlich jeder, dass zu gutem Wirtschaften noch mehr gehört, als die reine Kapitalsteigerung.

Wie sieht es mit Spätfolgen aus, mit langfristigen Investitionen, mit einer Abschätzung von Risiken über das nächste Quartalziel hinaus, mit Folgen für Gesellschaft und Umwelt? All das gehört eigentlich zu gutem Wirtschaften dazu.

Christopher Ricke (Deutschlandradio Kultur):
Ziel und Zweck des Unternehmens ist meines Wissens nach bei einer Bank doch durchaus, dass Geld verdient wird.

 

Helmut Lind (Sparda-Bank München):
Sehr gut, das ist genau der Punkt. […] Wenn Sie jemanden Fragen, was ist Sinn und Zweck des Wirtschaftens, dann wird jeder sagen, ja, ist es das Verdienen von Geld oder ist es die Bedürfnisbefriedigung. Und egal wo Sie nachlesen, werden Sie immer zu dem Ergebnis kommen, es geht um die Befriedigung von Bedürfnissen.

 

Aber das Geldverdienen oder Geld selbst ist Mittel und nicht Zweck, und den Fehler, den wir gemacht haben über all die Jahre, ist, dass wir das Geld so weit in den Mittelpunkt stellen, dass alles andere dem folgt […].

 


Ausschnitt aus einem Interview mit Helmut Lind, dem Chef der Sparda-Bank München, in der „Ortszeit“ auf Deutschlandradio Kultur am 3. Januar 2013 um 6.50 Uhr, gefunden auf Facebook bei Tilo Jung.

Im oben stehenden Gespräch geht es um die Sparda-Bank München, eines der ersten großen deutschen Geldinstitute, das sich der Gemeinwohlökonomie verschrieben hat. Was das genau heißt? Die Bank spekuliert nicht mehr mit Nahrungsmitteln. Investionen in Hedgefonds werden den Kunden nicht mehr angeboten. Die Mitarbeiter kassieren keine Provisionen mehr.

Das klingt zunächst verrückt, schließlich will und muss auch eine Bank Geld verdienen und kann sich nicht einfach so dem Gutmenschentum verschreiben. Darum geht es aber auch nicht, sondern viel mehr darum, sinnvoll und nachhaltig mit dem Geld umzugehen, dass die Kunden der Bank anvertrauen – zugunsten langfristiger Sicherheiten und einem Gewinn für alle, auch jenseits der eigenen Vermögenssicherung. Die Idee ist dazu längst nicht neu.

Hauptsitz der GLS Gemeinschaftsbank in Bochum. Foto © GLS Bank/Frank Rogner.

Hauptsitz der GLS Gemeinschaftsbank in Bochum. Foto © GLS Bank/Frank Rogner.

Ein immer wieder genanntes Musterbeispiel für diese neue aber im Prinzip auch uralte Art des Wirtschaftens ist die GLS Gemeinschaftsbank in Bochum (Disclaimer: meine Hausbank). Gegründet wurde sie 1974 als Genossenschaftsbank mit „sozial-ökologischer Ausrichtung für die Verbindung von Sinn, Gewinn und Sicherheit“, heißt es in der Selbstbeschreibung, und weiter: „Ziel unserer Tätigkeit ist eine nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft und unserer Lebensgrundlagen. Geld verstehen wir dabei als ein soziales Gestaltungsmittel“.

Konkret heißt das, dass die GLS Bank nicht in alles in jeden investiert, sondern nur in nachhaltige Projekte. Jeder, der sich bei der Bank Geld leihen möchte, muss strenge Kriterien erfüllen. Die Finanzierung des neuen Sportwagens dürfte schwierig werden. Wer dagegen einen Bioladen eröffnen möchte oder das eigene Haus mit einer Solar-Wasseraufbereitung ausstatten möchte, hat bessere Karten. Die Mitglieder und Kunden der Bank können im Umkehrschluss genau darüber entscheiden, was mit ihrem Geld passieren soll und in welche Bereiche die Bank ganz besonders investieren soll.

Das Konzept hat Erfolg: Ende 2011 beschäftigte die Bank schon gut 400 Mitarbeiter, konnte eine Bilanz von 2,26 Milliarden Euro vorweisen, und nach eigenen Angaben die Finanzierung von gut 17.000 sozial-ökologischen Unternehmen und Projekten mit rund 1,13 Milliarden Euro.

Glasfassade der Türme der Deutschen Bank in Frankfurt. Foto: orkodemix/Flickr.com. Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0.

Glasfassade der Deutschen Bank in Frankfurt. Foto: orkodemix/Flickr.com. Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0.

Das alles ist aber natürlich nichts gegen die echten Riesen der Branche. Zum Vergleich: Die Deutsche Bank schloss das Jahr 2011 mit einer Bilanz von 2,16 Billionen Euro ab – fast genau das Tausendfache dessen, was die GLS Bank im selben Zeitraum erwirtschaftet hat. Was also bringen dann solche verhältnismäßig kleinen Bankprojekte überhaupt?

Ihr wichtigster Beitrag ist es aus meiner Sicht, eine Debatte anzustoßen. Ähnlich formuliert es auch der Chef der Sparda-Bank München im Interview mit dem Deutschlandradio. In Zugzwang geraten andere Banken durch eine Umstellung auf das Gemeinwohlprinzip noch nicht, aber sie müssen sich zumindest vermehrt die Frage von Kunden stellen lassen: Wo investiert ihr eigentlich? Was passiert mit meinem Geld?

Auch die Sparda-Bank München ist kein Gigant unter den deutschen Banken. Mit einer Jahresbilanz von 5,85 Milliarden Euro ist sie nur etwas mehr als doppelt so groß wie die GLS Bank in Bochum. Der Unterschied: Die Sparda-Bank München ist keine neue Bank, sondern sie stellt um, und setzt so ein Signal.

Nachhaltiges und gemeinnütziges Wirtschaften ist kein Nischenprodukt, sondern vielleicht die einzige echte Lösung. Wenn das künftig noch mehr Banken und auch Kunden für sich entdecken, könnte der Kapitalismus vielleicht wirklich zu einem Motor sozialer Gerechtigkeit werden. Es wäre eine Ironie der Geschichte.

Der Fetisch des „echten Lebens“


Foto: Andrew Mason. Lizenz: CC BY 2.0.

Im Laufe der vergangenen Jahre habe ich, freundlich wie ich bin, mehrmals meine Persönlichkeit der Wissenschaft zur Verfügung gestellt, und an verschiedensten Studien und Online-Befragungen genommen. Häufig untersuchten die auch in irgendeiner Form das Mediennutzungsverhalten der Probanden.

Eine Frage, die mir dabei immer seltsam vorkam: „Wie viele Stunden am Tag sind Sie online?“, gerne auch variiert „Wie viele Stunden am Tag verbringen Sie im Internet?“.

Spätestens seit ich Besitzer eines Smartphones mit Datentarif bin, kreuze ich in so einem Fall die Option „24 Stunden“ an – bzw. häufig die Maximaloption à la „mehr als 4 Stunden“. Denn ganz ehrlich: Wann bin ich einmal nicht online? Im Funkloch vielleicht, oder wenn der Akku alle ist. Und ich bin tunlichst bemüht, genau diese Situationen zu vermeiden.

Zu viel Online?

Ist das schlimm? Macht mich das zu einem Internetabhängigen? Diese Frage und die dahinter stehende Annahme, dass dauerhaftes Online-Sein irgendetwas Schlimmes, Weltentfremdetes oder Realitätsfernes sein könnte, scheint dieser Tage ein beliebtes Narrativ zu sein.

In der oben stehenden Folge des Klub Konkret – mit dem von mir sehr geschätzten, aber gelegentlich auch sehr „meinungsstarken“ Marcel Wichmann, u.a. von Quote.fm – wird die „exzessive Smartphone-Nutzung“ immer wieder als etwas Negatives beschrieben, wobei Marcel natürlich die gegenteilige Meinung vertritt.

Mein Fazit der Sendung: Sicher, es mag Menschen geben, die mit ihrem Medienkonsum auf eine problematische Bahn geraten, doch das liegt nicht am Internet oder am Smartphone, sondern an ihrer Sozialisation und ihrer mangelnden Einbindung in soziale Netzwerke – im soziologischen Sinne, ich meine damit also nicht zwingend Facebook oder etwas ähnliches.

Der Traum vom Offlinesein

Doch nicht nur, dass es schädlich sei, dauerhaft online zu sein, zieht sich durch aktuelle Diskurse. Bewusst offline zu sein scheint, für viele etwas sehr Erstrebenswertes zu sein. Von solchen beinahe paradiesischen Erfahrungen anderer schreibt auch Eike Kühl in seinem Artikel Der falsche Traum vom Offlinesein für die ZEIT. Dabei kommt er auch auf den Begriff des „IRL-Fetisch“, also den Fetisch des „echten Lebens“, zu sprechen, beschrieben durch Nathan Jurgenson. Diese Begrifflichkeit passt auf das Preisen des „Offlineseins“ wohl ganz gut.

Normalerweise finde ich Experimente von irgendwelchen Autoren und Journalisten, die für eine bestimmte Zeit „offline“ gehen, und dann über die „echte Welt“ schreiben, ziemlich langweilig. Anders ist es beim Tech-Blogger Paul Miller von The Verge, der seit dem 1. Mai „offline“ ist und über seine Erfahrungen schreibt – auf wirklich sehr humorvolle und sympathische Weise (Funfact: Die Blogeinträge gibt er per USB-Stick an seine Kollegen weiter). Auch er greift in seinem letzten Blogeintrag What is the internet? den „IRL-Fetisch“ auf.

Die nächste Stufe des Experiments „Internet“

Darin schreibt Miller dazu über das, was ich anfangs als eine Art Missverständnis der „Nicht-Digital-Natives“ beschrieb, und was Eike Kühl ebenso zu stören scheint: Ist eine Trennung zwischen Offline- und Online-Welt in „echte Welt“ und „unechte Welt“ überhaupt noch sinnvoll? Entspricht das noch der Wirklichkeit, oder sind beide Welten nicht schon komplett miteinander verschmolzen? Schließlich handelt es sich beim „World Wide Web“ nicht mehr um kalte, unmenschliche Websites, sondern hinter jede Ecke verstecken sich echte Menschen, die im Netz schlicht eine neue Kommunikationstechnik sehen – und es auch so nutzen.

Das Netz ist menschlich geworden.


Designstudie des „Project Glass“ von Google. Foto © Google, Inc.

Doch nicht nur das macht aus meiner Sicht die Trennung zwischen „Offline-Welt“ und „Online-Welt“ obsolet. Der Tech-Blogger Robert Scoble schrieb heute über den Beginn eines neuen Webzeitalters, nämlich dem des „contextual web“. Dahinter steckt die Idee, dass auch Geräte wie unsere Smartphones oder vielleicht künftig auch unsere Brillen nicht mehr abgekapselt von unserer Lebenswelt einfach nur Tweets und Websites anzeigen, sondern förmlich mit unserer Umgebung verschmelzen. Früher Digitales wird plötzlich greifbar und integriert sich perfekt in unser Leben – eine Unterscheidung ist nicht mehr möglich, aber ob der Inhalte auch nicht mehr sinnvoll.

Unsere mobilen Minicomputer, die wir mit uns rumschleppen, wissen mittlerweile, wo wir sind, anhand unserer Kalender auch, warum wir irgendwo sind, mit wem wir dort sind, wie es dort aussieht, was für Wetter dort ist – und wann der nächste Zug nach Hause fährt. All diese Informationen intelligent zu kombinieren, das ist die große Aufgabe, an der Entwickler überall auf der Welt gerade arbeiten. Das Ziel ist klar: Das Netz endlich nicht mehr als künstlichen Raum zu begreifen, sondern es uns in seiner ganzen Komplexität und Funktionalität zur Verfügung zu stellen.

Ich freu‘ mich drauf. Und ihr?