Kategorie: Gesellschaft & Politik

„Nutzer bringen neue Denkanstöße, nerven aber auch gewaltig!“

Auf diese – zugegeben sehr einfache – Formel brachte es mein Freund gestern Abend, als wir über Markus Beckedahl und seine Überlegungen zur altehrwürdigen Kommentarfunktion in Blogs und auf diversen Nachrichtenseiten sprachen. Aber von vorne.

„Einfach mal die Kommentare schließen?“


Foto: Katharina Wieland Müller / pixelio.de.

Vor ein paar Tagen ging auf Netzpolitik.org ein Artikel von Gründer, Betreiber und Netzlobbyist Markus Beckedahl online, in dem er laut darüber nachdenkt, ob es nicht sinnvoll wäre, die Kommentare einfach mal zu schließen. Warum? Weil er es Leid ist:

„Ich hab keine Lust mehr auf eine Kommentarkultur, wo sich die Hälfte aller Kommentatoren nicht im Ton beherrschen können und ständig einfach irgendwas oder irgend wen bashen – in der Regel mit Beleidigungen und/oder Unterstellungen, die gerne auch mal falsche Tatsachenbehauptungen sind. Ich hab keine Lust mehr auf die vielen Verschwörungstheorien und einfachen Weltbildern, wer jetzt wieso Schuld an irgendwas ist. Die EU, der Staat, die Illuminaten, der Kapitalismus, die USA, XYZ. Die Welt ist in der Regel etwas komplexer.“

130.000 Kommentare musste er in der achtjährigen Historie von Netzpolitik.org schon moderieren, und nach eigenen Angaben haben ihm die wenigsten davon wirklich Spaß gemacht oder einen Mehrwert gebracht. Zugegeben: Ich habe nicht annähernd so viele Besucher_innen oder Kommentare auf meinem Blog. Ich kann also nicht wirklich nachfühlen, wie es ist, teils zu Ertrinken in einer Flut von Kommentaren, bei denen mindestens die Hälfte im Tonfall unter der Gürtellinie liegen.

Und ganz ehrlich: Ich brauche diese Erfahrung auch nicht wirklich. Mir reichen schon einige der teils recht kruden Hörer_innen-Anrufe bei Antenne Düsseldorf – über die wir in der Redaktion im Nachhinein häufig aber doch froh sind, denn: Sie zeigen, dass die Menschen Vertrauen zu uns als lokales Medium haben, oder dass wir zumindest eine Instanz sind, an die sich einige auch mit ihrem Frust wenden, ob er sich nun gegen uns richtet, oder gegen das, worüber wir berichten.

„Auch Nutzer können einen Mehrwert bringen“


Beim britischen Guardian konnten die Nutzer erlaubte die Spendenaffäre in Großbritannien mit aufklären.

Das alles führt hin zu einem spannenden Interview, das Ulrike Langer mit Markus Beckedahl vor ungefähr einem Jahr geführt hat. Darin beschreibt er genau diese andere, positive Seite von Nutzerfeedback:

„Einerseits sollten Medien generell mal akzeptieren, dass auch Nutzer einen Mehrwert bringen können. Nicht alle und nicht immer, aber sehr häufig. Medien oder Journalisten sollten in der Lage sein, die relevanten Nutzerbeiträge sammeln, zu verifizieren und dann auch sagen zu können: Wir haben diese Information noch einmal nachgeprüft, und wir behandeln sie jetzt so, als wenn etwas normal durch unsere Redaktion geflossen wäre. Andererseits können Nutzer natürlich auch immer redaktionelle Beiträge ergänzen und helfen, zu verbessern.“

Und weiter:

„Langfristig wird sich die Strategie mit einem Kommentarghetto nicht am Leben halten können. Man kann nicht alle Kommentare in einen gesonderten Bereich abschieben, auf genug Page-Impressions hoffen und die Kommentatoren sich die Köpfe einschlagen lassen. Das bringt weder einen Mehrwert zu redaktionellen Beiträgen, noch sonst etwas, außer ein Ventil für Anschlusskommunikation zu haben.“

Wie passt diese Analyse aus dem Jahr 2011 nun zusammen mit Beckedahls Klagen über mangelnde Diskussionskultur in den Kommentaren im Jahr 2012? Zurück zu der Formel, die auch die Überschrift dieses Artikels bildet:

„Nutzer bringen neue Denkanstöße, nerven aber auch gewaltig!“

Natürlich könnte man jetzt sagen: Netzpolitik.org ist nicht SPIEGEL Online, da darf Markus Beckedahl auch mal meckern. Und natürlich, das darf er auch, schließlich steckt kein großer Verlag hinter der Seite, sondern es ist eben immer noch ein Projekt, das weitgehend von Privatleuten betrieben wird.

Schwarzes Telefon aus den 50er-Jahren mit Wählscheibe
Sinnvolle Interaktion mit den eigenen Leser_innen – ein Wunschtraum? Foto: Helene Souza / pixelio.de.

Auf der anderen Seite zeigt schon allein die Flut von 130.000 Kommentaren in acht Jahren, dass Netzpolitik.org eben kein ganz normales Blog mehr ist. Viel mehr ist es zu einer Größe avanciert, die es vor genau die Probleme stellt, mit denen großen Seiten wie Heise.de, SPIEGEL Online oder Süddeutsche.de schon seit Jahren zu kämpfen haben: Wie gehe ich mit destruktivem Nutzerfeedback um, und wie unterscheide ich es von den Kommentaren, die die Geschichte und mich als Autor weiterbringen? Etwa, indem ich die Kommentarkultur neu entwickele?

Lukas Heinser, Betreiber des BILDblog, hat auf seinem eigenen Blog Coffee And TV auf Markus Beckedahl und seine Frage nach der Zukunft der Kommentarfunktion geantwortet:

„Wenn eine konstruktive Diskussion also eh unmöglich ist, können wir uns alle die Mühe auch sparen. Es bringt nichts, den islamophoben Verschwörungstheoretikern in ihren Wahnsinnsforen mit Fakten, Argumenten oder Verweisen auf die Wirklichkeit entgegentreten zu wollen, aber es bringt noch ein bisschen weniger, unter einen Artikel, der islamophoben Verschwörungstheoretikern mit Fakten, Argumenten oder Verweisen auf die Wirklichkeit entgegentritt, zu schreiben, diese Leute seien aber echt dumme Nazis und hätten kleine Pimmel. Das mag ja stimmen, aber es hilft dennoch niemandem. Außer vielleicht für einen kurzen Moment dem Kommentator.“

Und er kommt zu dem Schluss: Wer ein Thema heute wirklich voranbringen will, und seine Meinung lesbar kundtun will, der sollte nicht kommentieren – weder auf Facebook, noch auf dem betreffenden Blog selbst –, sondern er sollte selbst bloggen.

Goodbye, comments?

Ist die Kommentarfunktion also tot? Hat sie sich überlebt? Ich glaube nicht. Es ist immer noch wichtig, eine direkte Kommunikation zu einem bestimmten Beitrag zuzulassen. Die Frage ist nur, ob diese Aufgabe jedes Medium bewältigen kann. Denn, wir müssen uns zumindest von einer Idee verabschieden, die noch vor wenigen Monaten und Jahren propagiert wurden: Dass die Kommentarfunktion das Ein und Alles der Nutzer_innen-Interaktion ist.


Ist die Feedbackfunktion auf SPIEGEL Online überholt?

Ging von Seiten der „klassischen Medien“ ein Online-Angebot an den Start, das keine Kommentarfunktion bot, gab es sofort einen Aufschrei: Feedback durch die Nutzer würde verweigert, und damit entspräche es nicht den Idealen des Netz. Diese Haltung gehört, glaube ich, der Vergangenheit an, denn: Soziale Medien haben, wie Lukas Heinser auch schreibt, die klassische Kommentarfunktion längst abgelöst. Über Medien, Journalist_innen, Politiker_innen, Geschichten wird immer diskutiert, ob sie es wollen oder nicht: auf Twitter, Facebook und natürlich auf Google+, dem gelobpreisten vermeintlichen Debattenportal der Zukunft.

Am Schluss steht also die Erkenntnis: Feedback durch Leser_innen, Zuschauer_innen, Hörer_innen und ganz generell Nutzer_innen ist wichtig und essentiell für eine gute Arbeit als Journalist. Nicht nur, um ein Gefühl zu bekommen, wie die eigene Zielgruppe tickt, sondern auch, um das eigene Thema weiterzubringen, und dazuzulernen. Das muss aber nicht zwingend in der Kommentarfunktion passieren. Es gibt genügend Kanäle, in Interaktion zu treten. Diese zu nutzen, ist die Aufgabe für zukunftsfähige Medien und Medienhäuser.

Klar ist aber: Es wird immer anstrengend bleiben. Und das ist gut so!

Der Fetisch des „echten Lebens“


Foto: Andrew Mason. Lizenz: CC BY 2.0.

Im Laufe der vergangenen Jahre habe ich, freundlich wie ich bin, mehrmals meine Persönlichkeit der Wissenschaft zur Verfügung gestellt, und an verschiedensten Studien und Online-Befragungen genommen. Häufig untersuchten die auch in irgendeiner Form das Mediennutzungsverhalten der Probanden.

Eine Frage, die mir dabei immer seltsam vorkam: „Wie viele Stunden am Tag sind Sie online?“, gerne auch variiert „Wie viele Stunden am Tag verbringen Sie im Internet?“.

Spätestens seit ich Besitzer eines Smartphones mit Datentarif bin, kreuze ich in so einem Fall die Option „24 Stunden“ an – bzw. häufig die Maximaloption à la „mehr als 4 Stunden“. Denn ganz ehrlich: Wann bin ich einmal nicht online? Im Funkloch vielleicht, oder wenn der Akku alle ist. Und ich bin tunlichst bemüht, genau diese Situationen zu vermeiden.

Zu viel Online?

Ist das schlimm? Macht mich das zu einem Internetabhängigen? Diese Frage und die dahinter stehende Annahme, dass dauerhaftes Online-Sein irgendetwas Schlimmes, Weltentfremdetes oder Realitätsfernes sein könnte, scheint dieser Tage ein beliebtes Narrativ zu sein.

In der oben stehenden Folge des Klub Konkret – mit dem von mir sehr geschätzten, aber gelegentlich auch sehr „meinungsstarken“ Marcel Wichmann, u.a. von Quote.fm – wird die „exzessive Smartphone-Nutzung“ immer wieder als etwas Negatives beschrieben, wobei Marcel natürlich die gegenteilige Meinung vertritt.

Mein Fazit der Sendung: Sicher, es mag Menschen geben, die mit ihrem Medienkonsum auf eine problematische Bahn geraten, doch das liegt nicht am Internet oder am Smartphone, sondern an ihrer Sozialisation und ihrer mangelnden Einbindung in soziale Netzwerke – im soziologischen Sinne, ich meine damit also nicht zwingend Facebook oder etwas ähnliches.

Der Traum vom Offlinesein

Doch nicht nur, dass es schädlich sei, dauerhaft online zu sein, zieht sich durch aktuelle Diskurse. Bewusst offline zu sein scheint, für viele etwas sehr Erstrebenswertes zu sein. Von solchen beinahe paradiesischen Erfahrungen anderer schreibt auch Eike Kühl in seinem Artikel Der falsche Traum vom Offlinesein für die ZEIT. Dabei kommt er auch auf den Begriff des „IRL-Fetisch“, also den Fetisch des „echten Lebens“, zu sprechen, beschrieben durch Nathan Jurgenson. Diese Begrifflichkeit passt auf das Preisen des „Offlineseins“ wohl ganz gut.

Normalerweise finde ich Experimente von irgendwelchen Autoren und Journalisten, die für eine bestimmte Zeit „offline“ gehen, und dann über die „echte Welt“ schreiben, ziemlich langweilig. Anders ist es beim Tech-Blogger Paul Miller von The Verge, der seit dem 1. Mai „offline“ ist und über seine Erfahrungen schreibt – auf wirklich sehr humorvolle und sympathische Weise (Funfact: Die Blogeinträge gibt er per USB-Stick an seine Kollegen weiter). Auch er greift in seinem letzten Blogeintrag What is the internet? den „IRL-Fetisch“ auf.

Die nächste Stufe des Experiments „Internet“

Darin schreibt Miller dazu über das, was ich anfangs als eine Art Missverständnis der „Nicht-Digital-Natives“ beschrieb, und was Eike Kühl ebenso zu stören scheint: Ist eine Trennung zwischen Offline- und Online-Welt in „echte Welt“ und „unechte Welt“ überhaupt noch sinnvoll? Entspricht das noch der Wirklichkeit, oder sind beide Welten nicht schon komplett miteinander verschmolzen? Schließlich handelt es sich beim „World Wide Web“ nicht mehr um kalte, unmenschliche Websites, sondern hinter jede Ecke verstecken sich echte Menschen, die im Netz schlicht eine neue Kommunikationstechnik sehen – und es auch so nutzen.

Das Netz ist menschlich geworden.


Designstudie des „Project Glass“ von Google. Foto © Google, Inc.

Doch nicht nur das macht aus meiner Sicht die Trennung zwischen „Offline-Welt“ und „Online-Welt“ obsolet. Der Tech-Blogger Robert Scoble schrieb heute über den Beginn eines neuen Webzeitalters, nämlich dem des „contextual web“. Dahinter steckt die Idee, dass auch Geräte wie unsere Smartphones oder vielleicht künftig auch unsere Brillen nicht mehr abgekapselt von unserer Lebenswelt einfach nur Tweets und Websites anzeigen, sondern förmlich mit unserer Umgebung verschmelzen. Früher Digitales wird plötzlich greifbar und integriert sich perfekt in unser Leben – eine Unterscheidung ist nicht mehr möglich, aber ob der Inhalte auch nicht mehr sinnvoll.

Unsere mobilen Minicomputer, die wir mit uns rumschleppen, wissen mittlerweile, wo wir sind, anhand unserer Kalender auch, warum wir irgendwo sind, mit wem wir dort sind, wie es dort aussieht, was für Wetter dort ist – und wann der nächste Zug nach Hause fährt. All diese Informationen intelligent zu kombinieren, das ist die große Aufgabe, an der Entwickler überall auf der Welt gerade arbeiten. Das Ziel ist klar: Das Netz endlich nicht mehr als künstlichen Raum zu begreifen, sondern es uns in seiner ganzen Komplexität und Funktionalität zur Verfügung zu stellen.

Ich freu‘ mich drauf. Und ihr?

Der Wunsch, Gutes zu tun.


Kaffeebohnen. Foto: Selma Broeder. Lizenz: CC BY 2.0.

Gestern kam meine Kaffee-Lieferung. Per Post, aus Berlin, vom Coffee Circle. Drei Kaffeesorten gibt’s dort: Espresso, sowie eine milde und eine kräftigere Röstung. Alles bio, alles zwar nicht offiziell „fair“ aber dafür direkt und nicht auf dem Weltmarkt gehandelt – die Kaffeebauern am anderen Ende der Welt können also von ihrer Arbeit leben und so ihre Familien ernähren. Und außerdem wird mit jedem Kilo Kaffee, den der Coffee Circle verkauft, auch noch 1 Euro wahlweise an eines von drei sozialen Projekten gespendet, in meinem Fall für den Bau einer kleinen Dorfschule. Tolle Sache also.

Eigentlich.

Denn, eine Frage die ich mir natürlich jetzt stelle: Warum habe ich anstatt dessen nicht Kaffee in einer lokalen Rösterei gekauft? Zum Beispiel bei der roestbar in Münster, ebenfalls bio und dazu in der Röstergilde. Oder im röst.art in Bochum? Zumindest bei letzterer Rösterei hatte ich bereits zwei Mal Schwierigkeiten, vor Ort herauszufinden, ob die Bauern für ihren Kaffee fair bezahlt wurden.

Fair leben und leben lassen

Hinter all diesen Überlegungen steht mein persönlicher Wunsch, so zu leben, dass ich damit so wenigen wie möglich schade. Deshalb stehe ich auf nachhaltige Produkte. Produkte, die ohne oder nur mit wenigen Schadstoffen in der Produktion hergestellt wurden. Produkte, von denen die Menschen, die die Rohstoffe dafür bereitgestellt haben, auch leben können. Produkte, die so hergestellt wurden, dass möglichst wenige Treibhausgase in die Atmosphäre geblasen wurden. Kurz: Produkte, für die weder Mensch noch Natur ausbeutet werden. Als sogenannter reicher Westeuropäer sehe ich mich an dieser Stelle einfach in der Verantwortung.

Doch gerade dieser Wunsch nach einem „guten Leben“, in dem ich fair zu meiner Umwelt bin, führt mich häufiger in scheinbar ausweglose Situationen.


Foto: Henning Bulka. Lizenz: CC-BY-SA 2.0.

„Was suchen eigentlich die weit gereisten Südfrüchte in der Biokiste vom Bauernhof der Region? Macht eine einzeln plastikverpackte, aber biologische Zucchini überhaupt Sinn? […] Der Apfel aus Neuseeland ist Tausende von Kilometern gereist, aber der aus der Region lag vielleicht monatelang im energieintensiven Kühlhaus. Fakt ist: Wenn der Übersee-Apfel nicht mit dem Flugzeug, sondern dem Schiff kommt, hat er eine bessere Ökobilanz als der heimische Konservierte. Aber auf dem Preisschild im Supermarkt finden sich keine Angaben über die Wahl seines Verkehrsmittels.“

Seite 18, enorm 1/2012.
Ausschnitt der Februar/März-Titelstory „Wir Teilzeit-Helden“ von Christiane Langrock-Kögel.

Lokal oder bio?

Aus der selbst gesetzten Verantwortung, fair zu leben, entstehen ganz neue Probleme: Kaufe ich eher die spanischen Bio-Tomaten, die zwar bio sind, für die aber in Almería ganze Landstriche für die Gewächshäuser ausgetrocknet werden? Oder kaufe ich die Tomaten aus den Niederlanden oder Deutschland, die zwar nicht bio und somit nicht auf echter Erde gewachsen sind, dafür aber auch nur weniger als die Hälfte des Weges auf dem Buckel haben?

Diese Liste ist scheinbar unendlich lang: Angefangen bei Südfrüchten, die ich beinahe aus Prinzip nicht mehr kaufe, es sei denn, sie stammen zumindest aus Europa. Weiter geht es mit Fleisch, dass ich zwar versuche, nicht mehr zu essen, und sicher ist mein Konsum deutlich niedriger als bei vielen anderen – trotzdem werde auch ich bei einer Currywurst schwach. Nächster Punkt: Kleidung – hier würde ich gerne mehr Lokales, mehr Bio, mehr fair Gehandeltes kaufen, aber selten finde ich etwas, das mir gefällt, und gleichzeitig zu meinem Geldbeutel passt, und so wird es dann doch wieder H&M.

Scheinbar aussichtslos scheint es auch bei all den elektronischen Begleitern in meinem Alltag zu sein: Zwar schreibt sich Apple mittlerweile auf die Fahnen, bei der Produktion auf Schadstoffe so gut es geht zu verzichten, doch trotzdem werden sich die meisten immer noch an die wegen der schlechten Arbeitsbedingungen von Dächer springenden Fabrik-Mitarbeiter erinnern.

Letzter und schmerzhaftester Punkt seit Kurzem: Milch. Ich habe in den letzten Wochen festgestellt, dass ich laktosefreie Produkte wesentlich besser vertrage. Die kostet etwa so viel, wie Bio-Milch, also das Doppelte dessen, was „normale“ Milch kostet. Doch bio und laktosefrei – das kann ich mir einfach nicht leisten.

Die richtige Balance


Foto: Henning Bulka. Lizenz: CC-BY-SA 2.0.

Gestern sprach ich mit einem Freund über all diese Themen. Er meinte daraufhin, dass das ja irgendwie auch alles Erste-Welt-Probleme wären. Klar, in Teilen schon. Auf der anderen Seite haben meine Kaufentscheidungen eben auch eine Auswirkung auf Zustände an anderer Stelle – Stichwort fair gehandelter Kaffee. Aus ähnlichem Grund bin ich auch überzeugter Naturstrom-Kunde. Weil ich der Meinung bin, dass es einen Unterschied macht, und dass ich so in eine nachhaltigere Zukunft investiere.

Eine Antwort auf all diese Frage wäre es, mir einfach nicht mehr so viele Gedanken zu machen. Doch ich kann meinen Kopf eben nicht einfach abschalten. Es gilt wohl eher, die richtige Balance zu finden, und auch einmal Abstriche beim Gutmensch-Sein zu machen, wenn es die eigenen Mittel nicht anders zulassen – oder wenn es einem in dem Moment einfach hilft, besser durch den weiteren Tag zu gehen und auf diesem Weg ein guter Mensch zu sein.

Der Wunsch, Gutes zu tun, ist da bei mir. Aber häufig scheitere ich an der Umsetzung – entweder an mir, oder an der Welt, in der wir leben. Damit richtig umzugehen, das ist wohl die nächste große Aufgabe für mich.

Wie geht es euch damit?

„Sind die Kleinen nicht süß?!“


Zwei Kinder beim Schwäne gucken. Foto: Alex Berger. Lizenz: CC BY-NC 2.0.

Beim IT-Magazin Golem.de erschien heute ein Artikel, den ich eigentlich eher im Gesellschaftsteil von ZEIT Online erwartet hätte. Im Beitrag geht es um eine Schule, die mehrere Grundschulkinder von einer Unterrichtsstunde mit einem Geschichtenerzähler ausgeschlossen hat, weil deren Eltern nicht wollten, dass Bilder ihrer Kinder danach auf Facebook gestellt werden. Daraus ergibt sich in der Folge eine Diskussion über das Für und Wider von Kinderbildern im Netz, und Datenschützer schimpfen – natürlich – auf das böse Facebook.

Ich glaube, Facebook ist nicht das Problem. Unwissende und damit häufig leider unverantwortlich handelnde Eltern sind das Problem. Schon im Online-Talk bei DRadio Wissen vom 29. Januar wurde das Thema Kinderbilder und ihre Veröffentlichung in Blogs und sozialen Netzwerken im Internet diskutiert, wenn auch nur leicht angeschnitten. Tenor dabei: Es ist schlicht nicht fair den Kindern gegenüber, Bilder von ihnen zu veröffentlichen, schon gar nicht in diesem Internet, das zwar weder gut noch böse, dafür aber nunmal ziemlich unberechenbar ist. Ich glaube Franzi erwähnte in der Runde ihre Praxis, wenn dann Bilder auszuwählen, auf denen ihr Kind nicht klar zu identifizieren ist – also zum Beispiel ein Foto wie das über diesem Blogeintrag.

Ich habe das Gefühl, dass das Thema „Privatsphäre unserer Kinder“ weithin unterschätzt wird. Gefühlte Millionen von Eltern stellen Bilder ihrer Kinder in die Galerien ihrer Profile in sozialen Netzwerken. Eine Freundin erzählte mir kürzlich sogar von einem Beispiel, in dem eine US-amerikanische DIY-Bloggerin ihre selbst hergestellten Produkte zusammen mit ihren Kindern fotografiert. Es seien schöne Bilder, keinesfalls peinlich, sondern gut ausgeleuchtet und professionell inszeniert. Das tut jedoch nichts zur Sache, glaube ich. Und ich glaube auch gar nicht, dass jene Bloggerin eine schlechte Mutter ist. Das Problem liegt an anderer Stelle.

Wenn es bereits Fälle gibt, in denen der eine die andere verklagt, weil sie ein Partybild von ihm online postet – was sagen dann erst diese Kinder, wenn sie – wahrscheinlich mitten in der Pubertät – feststellen, dass ihre Eltern pausenlos Fotos von ihnen veröffentlicht haben? Sicher, Post-Privacy-Befürworter werden entgegnen, dass so etwas in zehn Jahren ja gar kein Verstoß gegen die Privatsphäre mehr sondern vollkommen normal sein wird. Aber wissen wir das mit Sicherheit?

Es liegt in der Verantwortung der Eltern, ihre Kinder zu schützen. Dazu zählt auch der Schutz ihrer Privatsphäre. Verbote, wie sie Thilo Weichert im Golem.de-Artikel andeutet, helfen da glaube ich gar nichts. Es geht darum – wie so oft – ein Bewusstsein zu schaffen. Kinder gehören ihren Eltern nicht, sondern Eltern haben die Pflicht, sich um ihre Kinder zu kümmern und Sorge für sie zu tragen.

Bilder, auf denen ein Kind klar zu erkennen sind, auf Facebook, Google+, Flickr, in Blogs oder sonst wo zu veröffentlichen, geht meiner Meinung gar nicht. Ob Eltern es trotzdem tun, liegt in ihrer Entscheidungsmacht, genauso wie etwa die Entscheidung, ihr Kind zu einem Werbe-Foto-Shooting zu geben. Trotzdem sollten sie vorher dreimal überlegen, ob sie ihrem Kind damit wirklich etwas Gutes tun.

Ausblick & Anwesenheitsnotiz zur #rp12

Kinners! Morgen in der Früh geht’s los: Ich fahre nach Berlin! Und zwar zur re:publica 2012. Schon über die letzten Jahre habe ich die Entwicklungen auf der Berliner Netzkonferenz aus der Entfernung verfolgt, doch nie habe ich es selbst hin geschafft. Dieses Jahr ändert sich das – yay!

Morgen früh werde ich also nach Berlin reisen und dann drei hoffentlich sehr spannende und aufregende Tage in der STATION Berlin verbringen, und dabei viele neue und tolle Leute kennenlernen, unter anderem bei den zahlreichen Side-Events. Das (durch mich ganz frech verlängerte) Wochenende danach nutze ich dann noch für ein bisschen Hauptstadt-Sightseeing und sonstiges Wohlfühlen, und werde dann am Dienstag – pünktlich zum Uni-Seminar um 12 – wieder nach NRW reisen.

Jetzt aber noch einmal zur re:publica: Gerade habe ich mich über eine Stunde lang durch die einzelnen Session-Beschreibungen gewühlt, und was soll ich sagen: Mein persönlicher Session-Plan ist bisher immer noch viel zu voll, enthält im Prinzip häufig keine wirklichen Pausen, und es gibt mehrere doppelte bis dreifache Überschneidungen – da werde ich mich dann also einfach von meiner Stimmung treiben lassen müssen dürfen. Meinen vorläufigen Session-Plan findet ihr weiter unten.

Darüber hinaus freue ich mich noch ganz besonders auf das Projekt vox:publica der lieben Kolleg_innen von detektor.fm zusammen mit frischr. Dabei sollen die Besucher_innen und Teilnehmer_innen ganz direkt und aktiv in die Sendung von vox:publica am Freitag Abend eingebunden – und zwar per iPhone-App. Ich als HTC-Android-Phone-Nutzer bin also außen vor, trotzdem ist das Projekt sehr spannend, schließlich ist es mal eine echte Umsetzung der ständigen Forderung nach der stärkeren Beteiligung von Hörer_innen am Radioprogramm.

Meine Frage an euch: Seid ihr auch auf der re:publica? Wenn ja, schreibt mir, entweder hier oder auf Twitter – würde euch gerne kennenlernen! Ansonsten: Was sind eure Highlights?

Wir sehen uns!

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