Funktioniert das Urheberrecht?

Dieser Text wurde im englischen Original von Neelie Kroes verfasst, seit 2010 ist sie EU-Kommissarin für die Digitale Agenda. Es handelt sich hierbei zwar um keine autorisierte deutsche Fassung, jedoch habe ich diese Übersetzung im Einverständnis mit Frau Kroes‘ Pressestab verfasst und veröffentlicht. Es war mir wichtig, diesen lesenswerten Text auch der nicht-Englisch-sprechenden Bevölkerung zugänglich zu machen.


Neelie Kroes. Foto: Neelie Kroes/Flickr. Lizenz: CC BY-NC 2.0.

Woran denken Sie, wenn Sie an Urheberrecht denken? An ein Werkzeug, um Künstler anzuerkennen und zu entlohnen? Oder an ein Werkzeug, um zu bestrafen und Material zurückzuhalten?

Für mich sollte die Antwort klar ersteres sein. Allzu oft jedoch wird es im digitalen Zeitalter als letzteres angesehen.

Unser derzeitiges Urheberrechtssystem erreicht seine Ziele nicht. Ich denke [auch], dass wir gegen Piraterie kämpfen sollten. Aber es wird immer schwerer, das Urheberrecht rechtlich durchzusetzen – ein Kampf, der Millionen Dollar kostet und nur wenige Zeichen eines Sieges erkennen lässt.

Währenddessen schlagen sich Künstler weiter mit Hungerlöhnen durch, weil das Urheberrechtssystem es nicht schafft, sie angemessen zu entlohnen. Ich war schockiert von der Anzahl von Künstlern – ob nun Autoren, Maler, Fotografen, Musiker oder was auch immer –, deren Einnahmen unter der geringen Summe von 1000 Euro im Monat liegen, weniger als der Mindestlohn [Anm. d. Red.: in Belgien derzeit gut 1440 Euro]. Das ist ziemlich verheerend, für die Künstler selbst und für Europa als Ganzes. Denn die kreative Branche ist das, worin wir gut sind in Europa – etwas, das uns wirklich dabei helfen könnte, in der Zukunft wirtschaftlich und kulturell zu wachsen.

Es liegt nicht bei uns, die besten Geschäftsmodelle zu diktieren. Aber wir sollten Rahmenbedingungen haben, die Innovation erlauben und die die Künstler in den Mittelpunkt stellen. Ein System, das der Kunst keine Zwangsjacke anlegt, sondern das es neuen Ideen erlaubt aufzublühen – für die Auslieferung, die Nutzung und auch für die Produktion [von Inhalten]. Denn die Geschäftsmodelle können und sollten genauso kreativ sein wie die Kunst selbst. Neue Gebiete wie das cloud computing verändern, was es heißt, ein Kunstwerk zu erwerben oder auszuliefern. [Demzufolge] brauchen wir ein System, das flexibel genug ist, um [auf solche neuen Felder] zu reagieren.

Im Moment jedoch sind wir weder flexibel noch reaktionsfähig genug. Zu oft lautet die Antwort auf innovative Ideen – wie zum Beispiel auf Netflix oder iTunes – einfach gelähmt dazustehen – von Angst und Tatenlosigkeit. Spotify kam hier in Belgien ganze drei Jahre später an als im Rest der EU [Anm. d. Red.: in Deutschland auch nicht]! Ideen sollten nicht so lange brauchen, um sich innerhalb eines einzigen Marktes zu verbreiten.

Um das zu erreichen, müssen wir das beste aus neuen Technologien herausholen – denn neue Anwendungen wie eine Repertoire-Datenbank oder Tracking-Dienste könnten Künstlern helfen.

Dazu müssen wir auch die rechtlichen Rahmenbedingungen betrachten. Es gibt viele potentielle Ideen da draußen für neue Systeme der Anerkennung und Entlohnung [von Inhalten und Künstlern] – zu häufig werden sie jedoch durch rigide, vor-digitale Gesetzgebung aufgehalten. Zur gleichen Zeit kann [jene] Gesetzgebung innovative Formen der Distribution [von Inhalten] benachteiligen – beispielsweise profitieren E-Books nicht von denselben Mehrwertsteuer-Vergünstigungen wie „physische“ Bücher. Ich finde das schwer zu rechtfertigen.

Das Leben eines Künstlers war immer schwer – [und] die Krise hat es noch schwerer gemacht. Ich habe jedoch deutlich gemacht, dass wir zu den Grundlagen zurückkehren müssen, und die Künstler wieder ins Zentrum stellen müssen – nicht nur beim Urheberrecht, sondern bei unserer gesamten Strategie für Kultur und Wachstum.

Original: „Is copyright working?“, Neelie Kroes, 21. November 2011
Übersetzung: Henning Bulka

Legende:
[ ] – in der Übersetzung hinzugefügte Wörter
kursiv – Fremdwörter und Eigennamen, durch den Übersetzer markiert

3 Comments

  1. Pingback: Funktioniert das Urheberrecht? « Henning Bulka | shared – Der Abfall, der bleibt

  2. Die schlechte Situation der Künstler mit mangelnder Bereitschaft für Geschäftsmodelle wie Spotify und iTunes zu begründen, klingt vielleicht toll, ist aber faktisch leider (!) Quatsch. Gerade sind 300 Indie-Labels aus Spotify raus, weil sie so lächerlich wenig dort verdienen. (Artikel gibt’s zB auf Spiegel Online, habe Link gerade nicht zur Hand.

    • Ich gebe dir Recht: Die Parallele, die sie zieht, ist unglücklich. Nichtsdestotrotz stimmt es, dass es neuen Unternehmen – gerade in der Kreativwirtschaft – durch uneinheitliche und oft restriktive Urheberrechtsbeschränkungen innerhalb der EU zu schwer gemacht wird. Über die Geschäftsmodelle dieser Unternehmen wiederum kann man und muss man natürlich streiten.

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